NICKY B FLY «Musiker:innen tragen eine grosse Verantwortung innerhalb der Gesellschaft»

Nicky B Fly aus Zürich will mit ihrer Musik so viele Menschen wie möglich erreichen und inspirieren. Die Powerfrau kombiniert dabei verschiedene Musikgenres und Sprachen miteinander. Diese Vielfalt hat ihr eine Nominierung für den Swiss Diversity Award eingebracht. Im Interview verrät sie uns, warum sie auf Fluchwörter verzichtet, wieso Sprache für sie Macht bedeutet und inwiefern Musikschaffende die Gesellschaft beeinflussen.

Die Sängerin Nicky B Fly vor einer bunten Hauswand.
Die engagierte Sängerin Nicky B Fly bewegt die Menschen mit ihren kraftvollen Songs. © Nicky B Fly

Nicky B Fly verkörpert Authentizität, Energie und Vielseitigkeit. Sie ist die Tochter einer Schweizerin und eines Kongolesen. Trotz ihres Hauptberufs als Pharmaassistentin und der Verantwortung für ihren dreijährigen Sohn hat sie seit über sechs Jahren kontinuierlich an ihrer Musikkarriere gearbeitet. Ihr Künstlername erzählt eine persönliche Geschichte: Als Kind wurde sie wegen der Schmetterlingsform ihrer Vorderzähne gemobbt. Diese macht Nicky B Fly nun zu ihrem Markenzeichen: «B Fly» steht für Butterfly, was auf ihre besonderen Zähne anspielt und coolness symbolisiert, während «Fly» die Botschaft First Love Yourself vermittelt.

Herzliche Gratulation zur Nomination für den Swiss Diversity Award 2023 in der Kategorie «Education & Social Background». Was glaubst du, hat zu deiner Nominierung beigetragen?

Das habe ich mich auch gefragt (lacht). Spass beiseite: Ich glaube, dass ich die Vielfältigkeit der Schweiz gut repräsentiere. Ich bin Schweizerin und Afrikanerin. In meinen Liedern mische ich verschiedene Sprachen und ich versuche, den Leuten eine Message mitzugeben. Zudem engagiere ich mich als Coach für Jugendliche.

Swiss Diversity Award

Der Swiss Diversity Award zeichnet seit 2018 Personen, Stiftungen, Unternehmen, Projekte, Initiativen, NGOs aus, die sich mit Diversity & Inclusion auseinandersetzten. Dabei geht es dem Verein darum, Menschen aus Gesellschaft, Politik und Wirtschaft miteinander zu vernetzen und einen Ort der Vielfalt zu schaffen.

Das klingt spannend! Wie läuft so ein Coaching ab?

Wir schreiben gemeinsam Songtexte, studieren eine Performance ein, üben gemeinsam den Auftritt vor Publikum. So behandeln wir schwierige Themen wie zum Beispiel Armut. Mir geht es aber um mehr. So geht das Coaching auch ins Psychologische: Ich versuche tiefer zu gehen und mit ihnen ihr Selbstwertgefühl und ihr Selbstvertrauen aufzubauen. Diese Arbeit macht mir sehr viel Spass!

Und dafür wurdest du für den Swiss Diversity Award nominiert. Wie siehst du die aktuelle Situation in Sachen Diversity in der Schweiz? Was würdest du ändern, wenn du die Möglichkeit dazu hättest?

Die Gleichstellung von allen und dass wir mehr eine Gemeinschaft werden und uns gegenseitig helfen, sind grosse Anliegen von mir. Es kann sein, dass du mal Hilfe brauchst, aber in einem anderen Moment diejenige bist, die Hilfe geben kann. Wenn man einander hilft, ist das Leben so viel schöner und einfacher. Oft passiert Ungerechtigkeit im Alltag, weil die Leute teilweise eine Sprache nicht können. Sie werden so unterdrückt und vernachlässigt und können sich nicht wehren oder ausdrücken. Darum würde ich – wenn ich die Möglichkeit hätte – eine Organisation gründen, die sich für Leute, die benachteiligt sind, diskriminiert werden oder zu wenig Hilfe bekommen stark macht.

Wie bist du zu deinem Selbstvertrauen gekommen?

Der Weg zu echtem Selbstvertrauen erfordert, dass man lernt, sich von äusseren Einflüssen abzugrenzen. Es ist wichtig zu erkennen, welche Gefühle und Gedanken wirklich mir gehören und welche mir von aussen aufgedrängt werden. Ich musste tief in mich hineinschauen, um die Wurzeln meiner Selbstzweifel zu erkennen. Dieser Prozess war für mich ein innerer Kampf, kein Konflikt mit anderen, sondern ein ständiges «Ich gegen mich». Als ich mich dazu entschloss, mich voll und ganz auf die Musik zu konzentrieren, war dieser innere Battle besonders intensiv. Die Herausforderungen werden nicht weniger, daher ist es entscheidend, klar zu wissen, was man im Leben wirklich will.

In deinen Songs verwendest du Schweizerdeutsch, Französisch, Englisch und Lingala und verwebst sie zu einer Sprache. Wie entscheidest du, wann und wo du welche Sprache verwendest?

Meistens bestimmt die Musik, in welcher Sprache ich singe. Wenn ich mich vom Beat leiten lasse, weckt das Emotionen in mir, die ich wiederum mit einer Sprache verbinde. Oft beginne ich auf Deutsch zu singen, doch beim nächsten Refrain wechsle ich auf Französisch. Manchmal tönt es in der einen Sprache aber auch zu plump oder ich finde die Worte nicht. In einer anderen Sprache klingt es viel schöner und harmonischer. Ich verwende auch im Alltag alle vier Sprachen – die eine mehr, die andere weniger. Oft mische ich sie, was für mich völlig natürlich ist.

Das hört man auch in deinen Songs. Es scheint nichts erzwungen.

Das ist schön zu hören. In den letzten Jahren rieten mir so viele Leute, mich für eine Sprache zu entscheiden, wenn ich mit meiner Musik Erfolg haben will. Doch wenn ich nur in einer Sprache singe, fühlt es sich für mich falsch an. Ich will authentisch bleiben und genau das machen, was sich im Bauch richtig anfühlt.

Ein solcher Entscheid braucht Mut!

Absolut. Und dieser Mut ist für die Diversität in der Schweiz wichtig: Wir haben hier verschiedene Sprachen und Ethnien. Ich habe das Gefühl, mit meinem Sprach-Mix mehr Menschen zu erreichen und zu berühren. Ob sie nun Französisch, Deutsch oder eine andere Sprache sprechen: Sie können die Emotionen im Lied nachempfinden, auch wenn sie nur bestimmte Abschnitte verstehen.

Was bedeutet Sprache – so ganz allgemein – für dich?

Eine Sprache zu können gibt eine Art Freiheit und Macht. Du kannst dich in einem fremden Land verständigen, informieren und zurechtfinden. Das ist sehr wertvoll und wichtig, gerade auch in Bezug auf die Bildung. Nebst der gesprochenen Sprache finde ich aber auch Körpersprache sehr wichtig. Durch sie können wir uns ohne Worte und unabhängig der gesprochenen Sprache verständigen. Und manchmal sagt die verbale Sprache auch etwas anderes als die Körpersprache.

Was möchtest du denn deinen Hörer:innen mitgeben, wenn sie deine Musik hören?

Ich möchte Musik machen, die die Leute auflädt, ihnen Gutes tut und sie zum Positiven bewegt. Sie sollen nicht gereizter oder gestresster werden – davon haben wir alle genug. Wenn du mit der Musik die Leute wieder runterholst, sie zu sich selbst bringst und ihnen Kraft gibst, dann ist das das Schönste. Der Einfluss der Musik auf das Befinden ist gross. Darum tragen Musikschaffende meiner Meinung nach eine grosse Verantwortung.

Inwiefern?

Egal ob jung oder alt, doch wenn Weltstars wie Beyoncé oder Travis Scott etwas machen oder davon singen, wird es als cool angeschaut und nachgeahmt. Dadurch haben Musikschaffende einen grossen Einfluss auf die Gesellschaft. Als Artist sollte man sich bewusst sein, welche Message man in die Welt schickt.

Ist das der Grund, dass du in deinen Songs nicht mehr fluchst?

Ich habe früh mit Musik angefangen – und ja früher habe ich auch geflucht. Mittlerweile brauche ich diese Wörter nicht mehr, um mich auszudrücken. So bin ich nicht, und als Mutter möchte ich solche Botschaften nicht in die Welt senden. Ich kann nicht beeinflussen, was mein Sohn oder die Jugendlichen aus meinen Coachings in den Medien konsumieren, aber ich kann ihnen zeigen, dass man sich auch ohne Fluchwörter klar ausdrücken und richtig coole Songs schreiben kann. Vielleicht versucht es die eine oder andere dann auch.

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