Javier Bardem im Interview«Ich bin nicht der Typ der auf Marken abfährt»

Er mag keine Gewalt, keine Autos und typische Hollywood-Helden sowieso nicht. Wenig läge Javier Bardem deshalb ferner als im neuen James Bond mitzuspielen. Trotzdem gibt er in «Skyfall» einen der überzeugendsten Bad Guys der 50-jährigen Filmgeschichte. Im Interview verrät er, warum er für Sam Mendes eine Ausnahme machte.

Javier Bardem ist nicht nur eine extrem coole Sau auf der Leinwand, sondern offenbar auch im echten Leben. Als wir auf den spanischen Schauspieler an einem aussergewöhnlich kalten Oktobertag warten, begrüsst er nicht zuerst die Journalisten, sondern die Klimaanlage. Er kühlt uns runter auf etwa 19 Grad und setzt sich mit verschränkten Armen an den Tisch. Er ist merklich müde. Wir sind die letzten die ihm heute zwei Stunden zur Schweizer Fimpremiere von «Skyfall» Fragen zum Film stellen dürfen, zehn Minuten lang, und erwarten einen wortkargen Oscar-Preisträger. Was wir erleben ist dagegen ein zutiefst leidenschaftlicher Schauspieler, der offenbar nichts lieber macht, als uns von seiner Arbeit zu erzählen. Javier Bardem über seine Rolle als Bad Guy, schräge Filmfrisuren und Regisseur Sam Mendes.

Mit deinem Namen verbindet man nicht unbedingt Blockbusterkino. Was war dein erster Gedanke als man dir anbot in einem James Bond Film mitzuspielen?

Ich fühlte mich natürlich geehrt. Aber man muss auch sicherstellen, dass man dem Film etwas geben kann. Also muss man sich erst mal durch das Material arbeiten und schauen was im Drehbuch steht. In den 25 Jahren in denen ich als Schauspieler arbeite, bin ich zu der festen Überzeugung gelangt, das was nicht im Skript steht, auch nicht im Film zu sehen sein wird. Denn ich fand mich auch schon in Filmen, in denen es so ablief: «Nein es ist noch nicht da, aber wir werden dort ankommen.» Vergiss, es! Während der Dreharbeiten hast du keine Zeit zu warten. Es gibt einen straffen Zeitplan und einen präzisen Fokus. Der Rhythmus geht peng, peng, peng...

Das Drehbuch zu «Skyfall» hat dich demnach überzeugt. Zum Beispiel deine erste Szene, in der du auf James Bond triffst und ihm das Hemd aufknöpfst. Durchaus ungewöhnlich für einen Actionfilm.

Ich war wirklich erstaunt über die Qualität der Szenen. Alles stand bereits im Drehbuch und es ist brillant geschrieben. Gerade diese Szene. Eine sieben Minuten und dreissig Sekunden langer Dialog, zwei Personen, die sitzen und sich miteinander unterhalten, was für einen James Bond Film einfach grossartig ist! Und die Dynamik der Szene, fantastisch! Darum ist Sam Mendes enorm, weil er weiss wie man so etwas anstellt. Er hat bereits viele Male gezeigt wie man grosses Kino macht und wie man einen grossartigen Actionfilm macht. Beides vereint, ist, was «Skyfall» ist.

«Skyfall» ist auch der erste Bondfilm in dem der Bösewicht versucht James Bond zu verführen.

All das basiert auf der Idee eine unangenehme Situation für den anderen zu schaffen. Silva (Rolle von Javier Bardem, Anm. d. Red.) ist an nichts gebunden, nicht zu irgendeinem Geschlecht, nicht an irgendein Label oder an irgendein Genre, er ist einzig und allein mit seinem Schmerz verbunden. Und er wird alles was er ist und was er hat benutzen, um seinen Gegner in eine schwächere Position zu versetzen. Die Verführungsszene zeigt nur eine Farbe von ihm, aber nicht das ganze Bild. Aber trotzdem hat es natürlich sehr viel Spass gemacht, das zu spielen. Wir hatten wirklich sehr viel Spass mit dieser Szene...

Auch deine Filmfrisur sieht nach Spass aus. Das ist schon der zweite Film nach «No Country for Old Men» indem du einen unverwechselbare Frisur trägst. Hast du dir den Albino-Look selbst ausgesucht?

In «No Country for Old Men» war es die Idee der Coens (Regie-Brüderpaar, Anm. d. Red.). Sie brachten ein Bild, von einem Zuhälter, aus Texas, aus den 60ern, zusammen mit einer Prostituierten. Ein grossartiges Bild tatsächlich. Und einer der Coens sagte: «Siehst du diesen Typen? Schau dir seinen Haarschnitt an!» Und ich dachte nur «Oh, shit!». Und alle haben sich kaputt gelacht. Das hatte aber nichts mit diesem Film zu tun. In diesem Film wollten wir, wie gesagt, dieses Unbehagen schaffen. Und wenn du dir denn Film anschaust, macht es Sinn, dass der Typ so aussehen will. Es ist auch wichtig, dass dieses Unbehagen vom ersten Augenblick an spürbar ist. Denn mein Charakter hat nur vier Szenen. Wenn er sich dann zeigt, musst du die Absicht des Charakters sofort enthüllen, weil du nicht viel mehr Zeit hast.

Silva ist im Gegensatz zu den letzten Bondfilmen mit Daniel Craig in der Hauptrolle eher ein traditioneller Gegenspieler. Hast du dich mit deiner Figur bewusst an den älteren James Bond Streifen orientiert?

Ich war natürlich versucht die alten grossartigen Schauspieler zu rekapitulieren, die fantastische Schurken abgaben, aber ich konnte es nicht. Es streifte meine Gedanken für zwei, drei Sekunden und das ist auch genug. Ich kenne mich selbst zu gut, um nicht zu wissen, dass ich mir so nur meinen eigenen Film torpedieren würde. Und Silva ist, wer er ist. Seine Figur hat nichts mit den vergangenen Filmen gemein. Aber natürlich, in einem grösseren Zusammenhang muss auch Silva mit allen übrigen Bösewichten in Beziehung gesetzt werden. Denn das erwarten die Fans. Aber das ist eher Sams Aufgabe. Als Schauspieler vertraust du der Perspektive deines Regisseurs und lässt dich führen. Und er wusste ganz genau was er wollte. Er wollte jemanden der dem Gegenüber Unbehagen bereitet. Der andere soll sich unwohl fühlen, wenn er Silva begegnet. Du weist nie, was als nächstes passiert. Und Silva geniesst das.

James Bond kommt von einer Tradition, die sehr vom Schwarzweiss-Denken beeinflusst ist. Gut gegen Böse. Wieviel Freiheit bleibt dir da noch als Schauspieler etwas Neues auszuprobieren?

Wenn du einen Schurken in einem Bondfilm spielst, gibt es gewisse Regeln denen du folgen musst, besonders wenn die Filmreihe 50 Jahre feiert. Du musst den Klassikern natürlich Tribut zollen. Und das bedeutet, einen Charakter zu schaffen, der geerdet und realistisch ist, aber gleichzeitig musst du ihn auch zum Fliegen bringen. Du musst ihn übermenschlich erscheinen lassen in einem theatralischen Sinne. Er darf nicht zu hoch, aber auch nicht zu niedrig angesiedelt sein. Genau diese Kombination ist die Herausforderung und gleichzeitig der Spass daran. Denn wenn die Menschen ins Kino gehen, möchten sie einen Bösewicht sehen, einen typischen Bond-Bösewicht. Der Bond-Bösewicht ist in sich selbst ein Genre. Dieses Genre ist nicht zu realistisch, aber auch nicht zu fiktional, oder beides zur selben Zeit. 

Wenn wir von den Bond-Klassikern sprechen...Du sollst überhaupt nicht auf Autos abfahren.

Ja, weil ich nicht Auto fahren kann.

Der Aston Martin konnte dich also nicht beeindrucken?

Ich habe ihn mal am Set gesehen, er ist natürlich schon beindruckend, weil eine lange Filmgeschichte dahinter steckt. Aber ich bin nicht der Typ der auf Marken abfährt. Aber auf der Filmpremiere in London in der Royal Albert Hall gab es ein wahnsinniges Geschrei als der Aston Martin vorfuhr. Das Auto ist wie ein weiterer Hauptdarsteller. Es war einer der grössten Applause der ganzen Nacht.

«Skyfall» läuft ab 1. November in den Schweizer Kinos. Es lohnt sich, auch für Frauen. Versprochen.

Interview: Nathalie Türk, Oktober 2012

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