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Mutter-Tochter-BeziehungWarum wir nicht so werden wollen wie unsere Mütter

«Du bist wie Deine Mutter!» Fast nichts trifft Frauen so sehr wie dieser Satz. Denn obwohl wir unsere Mütter gern haben, möchten wir auf keinen Fall genauso werden wie sie. Warum das so ist und warum es in den seltensten Fällen gelingt.

Mutter Tochter Beziehungen

Die Mutter-Tochter-Beziehung steckt voller Liebe, aber auch voller Konflikte. Ahmen wir unsere Mütter als Mädchen noch nach (Wer hat als Kind nie die Kleider und das Make Up von der Mutter ausprobiert?) und versuchen ihr möglichst ähnlich zu sein, grenzen wir uns als Frauen bewusst von der Mutter ab.

Grund dafür ist die mit der Pubertät eintretenden Suche nach dem eigenen Ich. Auch alle Studien bestätigen, dass die meisten Töchter nicht so werden wollen wie ihre Mütter, unabhängig davon wie liebevoll die Beziehung zur Mutter ist.

Das Mutter-Tochter-Verhältnis: Die Mutter aller Beziehungen

Die Wissenschaft hat für die Angst der Mutter allzu sehr zu ähneln sogar einen Namen: die Matrophobie. Anders als die eigene Mutter sein zu wollen, sei auch keine Störung, sondern völlig normal für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung, erklärt die Soziologin Marianne Krüll in ihrem Buch «Die Mutter in mir».

Ebenso normal wie unumgänglich sei jedoch auch, dass es nie wirklich gelinge. Das Eltern-Kind-Verhältnis ist eine der stärksten Bindungen des Menschen. Obwohl es einen positiven, unterstützenden Effekt auf uns hat, stecken darin auch vielerlei Irritationen und Spannungen. Was sich liebt, das neckt sich wohl, denn Streitgespräche zwischen Eltern und Kindern gibt es zuhauf. Insbesondere die Zeit, in der Mutter und Tochter im Clinch liegen, erscheint rekordverdächtig.

Denn nur selten haben Töchter ein so perfektes Verhältnis zu ihrer Mutter wie Tochter Rory und Mutter Lorelai in der US-Erfolgsserie «Gilmore Girls». Denn die Beziehung zwischen Mutter und Tochter ist die komplexeste aller Beziehungen. Psychologen bezeichnen sie sogar als «Mutter aller Beziehungen».

Zwar haben wir unsere Mutter gern, doch schon ein kurzes Telefonat mit ihr kann uns auf die Palme bringen. Dabei war sie in unserer Kindheit unser grösstes Idol. Wir ahmten sie nach, schlüpften in ihre Kleider, benutzten ihr Make-up. Im Erwachsenenalter nerven plötzlich ihre Kleidungstipps extrem.

Filmtipp:

In der Komödie «Von Frau zu Frau» spielt Diane Keaton die Mutter Daphne Wilder, die sich nicht von ihrer jüngsten Tochter Milly lösen kann. Ihre Muttersorgen gehen sogar so weit, dass sie heimlich ein Date mit dem «perfekten» Mann für sie arrangiert. Den Trailer finden Sie hier.

Mutter und Tochter sprechen eine eigene Sprache

Eine Mutter kann ihre Tochter tatsächlich schon mit einer Frage in den Wahnsinn treiben. Ein beiläufiges «Willst Du das wirklich anziehen?» und schon steigt uns die Galle hoch, weil wir das als Kritik an uns und unserem Lebensstil empfinden. Die amerikanische Sprachwissenschaftlerin Deborah Tannen hat deshalb die Kommunikation zwischen Mutter und Tochter einmal genauer unter die Lupe genommen.

Und Tannen bemerkte etwas Erstaunliches: Mutter und Tochter verhandeln in ihren Gesprächen einerseits Intimität und Nähe und andererseits Macht und Distanz. Und das konsequent und gleichzeitig. Tannen rät Mütter aufgrund dieser schwierigen Gratwanderung bei der Herstellung von Nähe nie den Eindruck der Kontrolle zu hinterlassen, denn dann sei der Zwist vorprogrammiert.

Was Mütter aus Sorge sagen, empfinden Töchter als Kritik. Das erzeuge wiederum das typische Verhaltensmuster: Mütter kontrollieren, Töchter rebellieren.   

Mütter sind auch nur Menschen: Wunschprojektion und Mutterneid

Häufig identifizieren sich Mütter mit ihren Töchtern. Eigene Erfahrungen und Ideale versuchen sie deshalb auch ihren Töchtern zu vermitteln. Haben sie beispielsweise früher eine falsche Entscheidung getroffen, wollen sie ihre Töchter davor schützen den selben Fehler zu begehen.

Wenn Mütter unerfüllte Wünsche in sich tragen, die sich nun für ihre Töchter erfüllen, kann das aber auch Neidgefühle erzeugen. Da die Mutter in der Regel ihr eigenes Leben auf die Tochter projiziert, fällt es ihr schwer loszulassen. Wenn sich die Tochter schliesslich gegen den Kontrollzwang wehrt, kommt es automatisch zu Konflikten. Psychologen raten Müttern und Töchtern sich in derartigen Konfliktfällen zunächst auf ihr eigenes Leben zu konzentrieren und eine Weile getrennte Wege zu gehen, um später aus der Distanz heraus wieder ein gutes Verhältnis zueinander aufzubauen.

Das ist normal und auch wichtig. Es gehört zum natürlichen Abnabelungsprozess, dass die Tochter eines Tage geht und die Mutter zurückbleibt. Wenn dabei sowohl Mutter als auch Tochter ihr eigenes Leben in die Hand nehmen, ist das kein Drama, sondern ein schöner Neuanfang.

Wenn Töchter sich abnabeln, kritisieren sie ihre Mütter meist bis ins kleinste Detail. Umso schockierter sind sie, wenn sie bemerken, dass sie ihrer Mutter in Vielem unglaublich ähnlich sind. Ist der Konflikt mit der Mutter vielmehr der Konflikt mit uns selbst? Wenn wir alles befolgen, was unsere Mutter sagt, begeben wir uns in absolute Abhängigkeit und Kontrolle.

Setzten wir uns dagegen gegen Sie zur Wehr, kämpfen wir auch immer gegen uns selbst. Doch wie lässt sich diese Spannung lösen?

Die amerikanische Familientherapeutin Marilyn Irwin Boynton rät, den Töchtern auch die Frau hinter der Mutter wahrzunehmen. Wenn wir uns in die Rolle unserer Mutter hineinversetzen, könne es gelingen festgefahrene Muster zu durchbrechen. Auch Sprachwissenschaftlerin Tannen hält den wechselseitigen Perspektivtausch für eine wichtige Massnahme, um die Kommunikation zwischen Mutter und Tochter zu verbessern. Besonders wenn hinter dem Gesagten eigentlich eine andere Message verberge, als wortwörtlich gesagt. So wie bei folgendem Dialog:

Mutter: «Willst du das wirklich anziehen?»

Tochter: «Warum mäkelst du immer an meiner Kleidung rum?»

Mutter: «Mach ich doch gar nicht. Ich dachte nur, du wolltest dich umziehen.»

In diesem Fall stehle sich, so Tannen, die Mutter aus der Verantwortung, indem sie sich strikt auf ihre Aussage beruft. Dabei ist es die dahinterliegende Botschaft («Dieses Kleid gefällt mir nicht»), die die Tochter verletzt hat. In solchen Fällen sei es daher hilfreich, auch über das Miteinanderreden zu reden, um den Kreislauf zu durchbrechen. Indem ich dem anderen aufzeige: «So kommt dein Aussage bei mir an!» und zulasse, dass auch ich beim Gegenüber Verletzungen durch meine Aussagen hervorrufe, sensibilisiere ich mich und das Gegenüber.

Das Gefühl von der Mutter kontrolliert zu werden, könnten Töchter zudem durch Ihr eigenes Verhalten abmildern, indem Sie auch und vor allem von ihren Erfolgen und nicht nur von Problemen erzählten. So entsteht erst gar kein Anlass für besorgte Kritik, sondern Mütter dürfen stolz auf ihre Tochter – und auf sich sein. Schliesslich haben sie sie erzogen.  

Bild: Getty Images

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