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Lunas LaunenSchlafen wir schlechter bei Vollmond?

GEFÄHRLICHES HALBWISSEN Wenn Luna sein dickstes Mondgesicht zeigt, steht die Welt Kopf: An schlechten Frisuren und sogar an Schlafstörungen soll der Vollmond Schuld sein. Unsere Redakteurin ist wach geblieben und hat nach wissenschaftlichen Beweisen für die vollmondliche Schlaflosigkeit gesucht.

Schlaflosigkeit bei Vollmond

«Du glaubst nicht an Homöopathie, aber an den Mond glaubst du?» «Weil Globuli soviel helfen wie Pfefferminzbonbons! Aber dass ich bei Vollmond eine ganze Staffel Golden Girls schauen muss, bevor ich einschlafe, das ist Fakt.» Mein Freund findet, ich bilde mir das mit dem Vollmond und meiner Schlaflosigkeit nur ein. Aber wie kommt es, dass ich in meinem ganzen Leben noch keinen Mondkalender gefolgt bin, aber wenn ich mich um vier Uhr nachts auf dem Balkon rauchend wiederfinde, mich regelmässig Luna vollmundig anschaut?

Sind Mondphasen etwa so aussagekräftig wie Mike Shiva? Oder kann Vollmond wirklich Schlafstörungen verursachen? Während mein Freund Schäfchen zählt, habe ich nächtlich die Wissenschaft befragt.

Vollmond ist tatsächlich Schuld an Schlafstörungen

Bäm, mein Freund! Schon gefunden, auf der ersten Seite von Google. Chronobiologe Prof. Dr. Christian Cajochen von der Uniklinik Basel veröffentlichte jüngst eine Studie, die Schlafstörungen bei Vollmond tatsächlich belegen soll. Cajochen zeigt darin, dass der Mond beeinflusst, wie schnell wir einschlafen, wie tief und wie lange wir schlafen.

Wenn man aber genauer hinschaut ist dieser Einfluss nicht so üppig, wie ich mir erhoffte. Zumindest mein Problem mit dem Nicht-einschlafen-können, kann die Studie nicht erklären.

Tatsächlich fand Cajochen heraus, dass die Studienteilnehmer an Vollmondnächten im Schnitt fünf Minuten später einschliefen und 20 Minuten früher wieder erwachten. Die Tiefschlafphasen waren um ein Drittel reduziert und auch im Melatonin-Spiegel konnten Defizite festgestellt werden. Melatonin ist jenes Hormon, welches den Tag-Nacht-Rhythmus und damit auch die Schlafqualität steuert.

Schlafstörungen bei Vollmond: Einbildung ausgeschlossen

Dass Cajochen tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Vollmond und Schlafstörungen nachweisen konnte, kam für den Forscher selbst überraschend. Ziel seiner Untersuchungen war es eigentlich genau das Gegenteil zu bewiesen. Er bediente sich dafür an Laboruntersuchungen, die zu anderen Zwecken durchgeführt wurden und wertet diese Daten im Abgleich mit dem Mondrhythmus aus. Dadurch, dass weder die Teilnehmer noch die Wissenschaftler der Studie eine Relevanz des Mondes erahnten, konnte Cajochen einen Placebo-Effekt in jedem Fall ausschliessen.

Oder doch nicht? Lunas Entlastung

Obwohl die Studie deutlich einen Zusammenhang zwischen Schlafstörungen bei Vollmond nachweisen konnte, äussern sich viele Wissenschaftler weiterhin kritisch. Vor allem die geringe Teilnehmerzahl von lediglich 33 Probanden stelle die Ergebnisse in Zweifel. Denn tatsächlich gibt es diverse Studien mit weit über 1000 Teilnehmern, die einen Zusammenhang zwischen Vollmond und Schlafstörungen eindeutig widerlegen können.

Verdammt, ich hatte es geahnt. Der renommierte Schlafforscher  Dr. Jürgen Zulley kritisiert auch die praktische Relevanz der Forschungsergebnisse von Cajochen. 20 Minuten weniger Schlaf falle absolut in den Bereich des Normalen und sei damit kaum von Bedeutung.

Warum sollte uns der Mond den Schlaf rauben?

Auch ein evolutionärer Sinn, weshalb der Vollmond den Menschen beeinflussen sollte, könne nicht gefunden werden und widerlege damit die Cajochensche These. Anders als beispielsweise Meeresbewohner hat der Mondrhythmus nie einen Einfluss auf das urmenschliche Jagdverhalten gehabt. Das leuchtet mir jetzt nicht so ein. Nur weil wir den Mond immer ignoriert haben, heisst es ja nicht, dass er keinen Einfluss hat. Sonnenbrand macht evolutionstechnisch für mich auch nicht viel Sinn und trotzdem gibt es ihn.

Tatsächlich gibt aber auch Cajochen selbst zu, dass seine Ergebnisse teilweise wissenschaftlich angreifbar sind. Aber immerhin geben sie den bisher ersten, wenn auch geringen Nachweis über das Phänomen des schlechten Schlafs bei Vollmond.

Der Mond in unserem Kopf!

Und damit – darin sind sich tatsächlich alle Forscher einig – ist auf jeden Fall eines untermauert: Das subjektive Empfinden aller Mondsüchtigen. Denn immerhin meint ein Grossteil der Menschen, bei Vollmond schlechter zu schlafen. Und da Cajochen einen Placebo-Effekt eindeutig ausschliessen konnte, könnte am Vollmond-Phänomen ja vielleicht doch etwas dran sein.

Mein Freund ist nicht überzeugt. Ich nur so halb. Und die meisten Wissenschaftler machen uns Schlaflosen bei Vollmond auch nur wenig Komplimente. Wir Abergläubigen machen uns den schlechten Schlaf bei Vollmond zur selbsterfüllenden Prophezeihung. Maximal wollen uns die Wissenschaftler zugestehen, dass die vermehrte Helligkeit einer Vollmondnacht ein gewisser, wenn auch minimaler Schlafräuber ist. Das wären dann aber Strassenlaternen auch.

Für mich ist jedenfalls klar: Schlafstörungen hin, Werwölfe und Hexen her. Bei Vollmond meide ich in jedem Fall eines: Den Besuch beim Coiffeur. Denn auch davor warnt ein Mythos. Sicher ist sicher.

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