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BERUFUNG STATT BERUFWie finde ich einen Job, der zu mir passt?

Wie finde ich einen Job, der zu mir passt? Und welcher Beruf macht mich glücklich? Mit diesen Fragen ist fast jeder einmal konfrontiert. Die Antworten zu finden, ist gar nicht so leicht. Aber auch nicht so schwer, weiss Jobcoach Crista Henggeler und wünscht sich, dass mehr Menschen ihrer Berufung folgen. 

Wie finde ich den richtigen Job? Jobcoach Crista Henggeler kennt den Weg zum Traumjob

Mit acht Jahren wusstest du genau, welchen Beruf du ergreifen möchtest: Tiefseetaucherin! Während du fleissig in der elterlichen Badewanne geübt hast und dich Mitte Dreissig sämtliche Rekorde brechen sahst, sitzt du nun tagein tagaus im selben Büro. Du willst etwas ändern? Nur zu! Wie du herausfindest, welcher Job zu dir passt und warum du dich trauen solltest, deine Träumen nachzugehen, erklärt unser Jobcoach und die ehemalige Personalerin Crista Henggeler im Interview mit Femelle

Crista Henggeler, Professional Coaching

Über Crista Henggeler

Die auf Personalentwicklung und Rekrutierungsfragen spezialisierte Arbeits- und Organisationspsychologin Crista Henggeler kennt die Tücken bei der Jobsuche. Als Professional Coach in Zürich berät Sie Unternehmen und Privatpersonen. Auf Femininleben steht sie Rede und Antwort rund um das Thema «Karriere». www.henggelercoaching.ch

 

FBI-Agentin, Pilotin oder Tierärztin. Als Kind hatten wir eine genaue Vorstellung davon, was wir später werden wollen. War das kindliche Naivität oder waren wir damals empfänglicher für unsere wirklichen Berufswünsche?

Zweiteres! Als Kind ist man unverfälschter und fragt sich noch nicht, was möglich ist. Man macht einfach das, was einen fasziniert. Je älter man wird, desto mehr passt man sich an.

Das Wort Beruf steckt auch in Berufung. Könnte man die Frage «Welcher Beruf passt zu mir» daher auch anders stellen und sich fragen «Was ist meine Berufung?»

Absolut. Zum einen, weil der Fokus hier viel langfristiger ist. Zum anderen, weil Berufung auch das ist, wo wir Erfüllung finden und diese fehlt vielen Menschen heutzutage. Insgesamt sind 80 bis 90 Prozent meiner Klienten Führungskräfte oder Akademiker und haben beruflich alles erreicht, was sie wollten. Trotzdem fühlen sie sich nicht erfüllt. Darum glaube ich, dass der klassische Karriereweg, der den Mehrwert durch Gehalt und Aufstieg definiert, heute nicht mehr genügt.

Warum trennen wir dann noch Beruf von Berufung?

Weil wir nicht dem folgen, was uns erfüllt, sondern sehr leistungsorientiert aufwachsen. Es ist grundsätzlich schwierig, einem Traum zu folgen. Das bedeutet auch anders zu sein, zu sich zu stehen und nicht das zu tun, was andere von einem erwarten. Das ist mühsamer, als einem vorgegeben Weg zu folgen.

Es gehört ja auch Mut dazu, seinem Traum nachzugehen. Warum fehlt uns dieser oft?

Wir werden nicht so erzogen. Ich kenne wenige Kinder, die so aufwachsen, dass sie überwiegend das tun dürfen, was sie wirklich gerne machen. Stattdessen versuchen wir immer, Schwächen auszugleichen. Doch dadurch schafft man Allrounder und am Schluss sind alle gleich. Das ist wirklich schade. Unsere Kultur sollte mehr Wert darauf legen, individuelle Stärken zu fördern.

Wenn jemand beruflich erfolgreich ist, aber davon träumt, eine kleine Taverne in Italien aufzumachen, dann muss er sich von seinem Umfeld vermutlich anhören, dass er völlig verrückt und unvernünftig ist.

Ja, das habe ich auch erlebt, als ich meinen beruflichen Werdegang zugunsten der Selbstständigkeit verändert habe. Als ich meinen Eltern von meinem Vorhaben erzählte, sind sie aus allen Wolken gefallen. Mit den Reaktionen des Umfeldes muss man sich konfrontieren. Aber wenn man von seinem Plan überzeugt und innerlich gefestigt ist, überträgt sich das auf die Mitmenschen.

Es heisst, dass man in den Dingen erfolgreich ist, die einem am Herzen liegen. Ist es womöglich ein Erfolgsrezept, das zu tun, wozu man berufen ist?

Auf jeden Fall! Es ist sicherlich erfüllungsversprechend. Und was erfüllend ist, erhöht die Wahrscheinlichkeit zum Erfolg. Damit eine Berufung aber zu Erfolg führt, genügt nicht nur Talent. Ich habe erst kürzlich gelesen, dass man vielleicht ein Talent hat, daraus aber erst eine Stärke entwickeln muss. Und es gibt leider sehr viele talentierte Menschen, die dazu nicht den Mut haben.

Wie macht man denn ausfindig, was die eigenen Talente sind, um sie zu Stärken zu machen?

Es ist interessant, dass heutzutage viele Menschen so entfernt von ihren Talenten sind. Für die Spurensuche gibt es viele Möglichkeiten. Man kann beispielsweise zurück in die Kindheit sehen und sich fragen, was damals Affinitäten und besondere Talente waren. Andere Möglichkeiten sind Gespräche mit nahestehenden Menschen oder Persönlichkeitstests. Auch die Arbeit mit einem Coach kann aufschlussreich sein.

Test: Welcher Job passt zu mir?

Beruf kommt von Berufung. Jedenfalls dann, wenn man eine Tätigkeit gefunden hat, die wirklich zu einem passt. Finden auch Sie Ihren Traumjob! Er liegt nur ein paar Fragen entfernt.
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Wenn man seine Talente und Berufung kennt, wie geht man mit diesem Wissen um? Vermutlich wird man nicht von heute auf morgen seinen sicheren Job aufgeben.

Es ist immer gut, sich graduell zu entwickeln. Man könnte beispielsweise auf Teilzeit reduzieren. Dann hat man zum einen die Sicherheit und zum anderen die mentale Freiheit, seine Pläne umzusetzen. Es kommt aber auch immer darauf an, in welchem Berufsfeld man sich befindet und ob das überhaupt möglich ist. Doch gerade in Bezug auf Selbstständigkeit funktioniert das sehr gut. Man kann nebenbei eine Website bauen, Visitenkarten drucken und das Business langsam aufbauen, bevor man vollkommen umsteigt. Ich habe das auch so gemacht. Und das hat mir sehr viele schlaflose Nächte erspart. Oft ist es auch sinnvoll, den Werdegang anderer Menschen zu studieren, die bereits in diesem Berufsfeld erfolgreich sind, um ihren Weg «nachzuahmen». Wichtig ist nur, dass man den Prozess in kleinen Schritten vorantreibt und fokussiert bleibt. Was dann beispielsweise gut funktioniert, ist sich Wochenziele zu setzen. Das können berufliche oder persönliche Ziele sein, wie eine Yoga-Stunde oder, dass man endlich das Buch fertig liest, das schon so lange am Nachttisch liegt. Generell würde ich aber empfehlen, nicht zu lange zu warten und den Sprung ins kalte Wasser einfach zu wagen.

Und wenn es meinen Traumjob noch gar nicht gibt?

Dann kreiere diesen! Das wäre die perfekte Voraussetzung für die Selbstständigkeit. Die Diskussion sollte sich nicht darum drehen, was möglich ist und was nicht, sondern dass man sich darauf einlässt, was man wirklich will und das dann möglich macht.

Gibt es denn Ideen, die unmöglich sind?

Ich habe noch nie von einer gehört. Ich habe kürzlich einen Artikel über die Langstreckenläufer der Tarahumara (Anmerkung der Redaktion: Die Tarahumara sind eine Volksgruppe, die im Norden Mexikos lebt) gelesen. Selbst 80-Jährige bewältigen enorme Strecken und laufen Tag und Nacht. Wir fragen uns, wie das möglich ist. Doch in der Kultur der Tarahumara ist es nicht üblich, dass man sagt, ein alter Mensch kann nicht mehr laufen. Sie hören nicht auf zu rennen, weil sie alt werden, sondern sie werden alt, weil sie aufhören zu rennen. Deshalb sollte man keine Angst vor dem Scheitern haben und sich trauen zu experimentieren!

Ist man irgendwann zu alt für diesen Schritt?

Man kann sich in jedem Alter neu erfinden. Aber natürlich hat man mit zunehmendem Alter auch Verantwortung und eine Familie, die man ernähren muss. Darum sage ich: Je früher, desto besser. Solange man noch keine Verpflichtungen hat, ist man frei zu experimentieren. Die Sinnfrage sollte man sich aber trotzdem immer stellen. Was ist mein Lebenszweck? Worauf wäre ich stolz, wenn ich 80 Jahre alt bin? Im Grunde geht es nicht darum den anderen, sondern sich selbst zu gefallen.

Titelbild: Unsplash

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