GENERATION SINGLEZwischen Ego und Einsamkeit

Fast jeder vierte Schweizer ist Single. Ist unser Alpenvolk zu keiner Bindung fähig? Oder existiert die grosse Liebe einfach nicht? Wir sind dem Schicksal der Schweizer Singles auf den Grund gegangen. Und haben gar nicht so einsame Aussichten gefunden.

Das Single-Dasein ist zum Lebensstil geworden

Es gibt immer mehr Wohnungen für eine Person, die Supermärkte sind voll von Single-Packungen, Urlaube für Singles boomen in den Reisebüros, von Online-Singlebörsen und Datingagenturen ganz zu schweigen. In der Schweiz scheint man ziemlich allein zu sein. Tatsächlich ergaben Studien, dass fast jeder vierte Schweizer Single ist. Was ist los mit den Singles der Schweiz? Wollen wir wirklich allein sein? Oder gibt es einfach keine Traummänner mehr? Wer es wissen will, liest weiter.

Falsche Erwartungen: Der Traum vom Traummann!

Warum finden die Schweizer Singles ihre grosse Liebe bloss nicht? Weil sie nicht richtig suchen? Weil sie beziehungsunfähig sind oder weil es sie vielleicht gar nicht gibt? Die Diplom-Pädagogin Sonja Deml gab Singles zu dieser Frage folgenden Denkanstoss: «Hochzeiten in Verbindung mit Liebe und Romantik gibt es erst seit Anfang des 19. Jahrhunderts. Bis dahin spielte bei der Partnerwahl nicht die Liebe, sondern rationale Überlegungen in erster Linie eine Rolle. Der Bäcker suchte sich eine Frau, die gut ins Geschäft passte, die höhere Schicht vermählte ihre Kinder untereinander. Heute zählt Rationalität nicht mehr sonderlich. Jetzt ist es die Liebe selbst, die als Grundlage für eine Partnerschaft gilt – doch die Liebe allein kann vergehen.» Tatsache ist also: Die Hochzeit aus Liebe ist unendlich romantisch, aber auch vage. Greifbarer als Traummänner sind rational begründete Beziehungen. Doch den Spatz in der Hand will heute niemand mehr haben. Man ist lieber Single, als ein eine Beziehung aus Vernunft einzugehen.

Emanzipation als Single-Falle?

Die stetig steigende Single-Zahl in der Schweiz lässt sich aber auch durch folgenden Gedanken erklären: Single zu sein, ist längst keine Blösse mehr. Im Gegenteil: Singles gelten als unabhängig, stark und selbstbewusst. Und auch Zielstrebigkeit in der Karriere wird Singles gerne nachgesagt. Singles haben also ein gutes Image. In den 90er Jahren ist das Single-Leben sogar geradezu propagiert worden, obwohl es sich gesellschaftlich nie als Wunschmodell etabliert hat. Vor allem Frauen haben sich emanzipiert und scheinbar neue Werte, nämlich Karriere statt Kinder in den Vordergrund gerückt. Doch Deml erklärt, dass auch diese Medallie eine Kehrseite habe. Sie hat den pessimistischen Prophezeihungen, wonach Werte wie Familie nicht mehr zählen, nie geglaubt. In Ihrer Single-Studie gelangte sie sogar zu einem ganz anderen Resultat. Eine eigene Familie zu gründen sei nachwievor das wichtigste Lebensziel, auch von Singles.

Die Alles-geht-Ideologie

Das Problem ist vermutlich, dass sich Kinder und Karriere für Frauen, aber auch zunehmend Männer, schwerer vereinbaren lassen. Frauen sind besser ausgebildet denn je. Aber faktisch wirft sie das erste Kind häufig wieder zurück in die Rollenvorbilder ihrer Eltern: Hausfrau und Mutter und Ernährer. Aber wer möchte seinen beruflichen Erfolg und die damit verbundene Anerkennung so einfach aufopfern, wenn er dafür so hart gearbeitet hat? Frauen wollen heute alles: einen herausfordernden Job, die einzigartige Liebe und das warme Nest, weil sie in dem glauben aufgewachsen sind, das auch alles möglich ist. Doch Wunsch und Wirklichkeit klaffen hier noch weit auseinander.

Keine Kompromisse! Die Ego Gesellschaft

Single ist längst nicht mehr nur das Wort für jemanden ohne Partner, es ist auch zu einem Lebensstil geworden. Der Wert Freiheit ist in den Vordergrund gerückt und wird unantastbar um seiner selbst willen gelebt. Auch vor diesem Hintergrund lässt sich die Bindungsscheu der Schweizer erklären: Singles (miss-) verstehen Bindungen oft als Freiheitsverlust. Tatsächlich bedeutet eine Beziehung Verantwortung und damit auch eine gewisse Einschränkung der eigenen Unabhängigkeit. Doch woher kommt die Verteufelung dieses Zustandes? Tatsächlich bedeute eine Beziehung doch keine Gefangenschaft. Zwar muss man lernen sich auf den Partner einzustellen und in einigen Fällen Rücksicht zu nehmen und manchmal die Freiheit zugunsten eines gemeinsamen Kompromisses zurück zustellen, aber ist man deshalb unfrei? Schliesslich bekommt man doch auch etwas retour: Nämlich einen verlässlichen Partner an der Seite. Einen, der seine Freiheit aus Liebe ebenfalls einschränkt. Und ist nicht gerade das der Wunsch vieler Singles?

Liebe ist Arbeit!

Die grosse Liebe zu finden, ist das Ziel vieler Schweizer Singles, eine Beziehung aus dem Bilderbuch oder noch besser aus der Werbung, der Wunsch. In den Medien werden harmonische Beziehungen als Ideal suggeriert und Single-Träume geweckt. Paare lassen sich deshalb durch Konflikte leichter entmutigen und geben Beziehung schneller auf. Dabei sind Meinungsverschiedenheiten in einer Partnerschaft vollkommen normal. Mehr noch: Konflikte sind ein wichtiger Teil einer Partnerschaft. Nur durch konstruktive Auseinandersetzungen mit dem Partner kann man enger zusammen finden. Statt konfliktscheu zu werden oder gar aufzugeben, sollten frisch verliebte Singles durchhalten. Konflikte können nämlich auch eine Chance sein. Nur Mut: Wer sich dem Single-Leben gestellt hat, meistert auch eine Beziehung mit links. Viel Glück beim weiter suchen. Und vor allem beim Finden der grossen, rosigen Liebe. Die es – nicht vergessen – nicht ganz ohne Dornen gibt!

Schweizer Singles in Zahlen, und Fakten

  • 58 % der Schweizer sehen das Internet als geeigneten Ort, um einen Partner kennenzulernen
  • 18 Prozent der 20- bis 39-Jährigen haben durch das Internet schon mindestens einmal einen Partner bzw. eine Partnerin kennen gelernt
  • Fast jeder vierte Schweizer ist Single. Davon sind über ein Viertel der Frauen (rund 27 Prozent) ohne festen Partner. Männliche Singles gibt es hingegen weniger – rund 19 Prozent.
  • Mehr als 50 Prozent der Singles ist seit mehr als drei Jahren ohne Partner.
  • Rund 30% der Schweizer Singles schätzen sich als zu selbstkritisch und bei der Partner-Suche zu anspruchvoll ein.

Quelle: Parship.ch

Bild: Fuse

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