FREMDGEHEN«Seitensprünge gehören zur Normalität»

Eine Affäre mit einem verheirateten Mann würde Ihnen nie passieren? Tatsächlich ist es sogar sehr wahrscheinlich. Jeder Zweite tut es, nur spricht niemand darüber. Im Interview erklären die Journalistin Karin Müller und der Paartherapeut Henri Guttmann, warum es Zeit ist, mit diesem Tabu zu brechen.

Die ewige romantische Liebe ist eine Ilusion. Fremgehen gehört zur Tagesordnung, weiss Karin Müller.

Zu einer guten Affäre gehören immer drei. Eine Ehefrau, die die Augen verschliesst, ein Ehemann, der sich vernachlässigt fühlt und eine heimliche Geliebte, die alles zusammen hält. Doch sie steht meist in zweiter Reihe, im Verborgenen. So sehr, dass es nicht mal einen richtigen Namen für diese dritte Rolle gibt, ob sie nun eine Frau oder ein Mann einnimmt. Karin Müller nennt sie deshalb «Schattenmenschen». Für sie hat die Journalistin und Kommunikationberaterin zusammen mit dem Paartherapeuten Henri Guttmann den Ratgeber Schattenmenschen ins Rampenlicht! »Hallo, ich liebe Ihren Mann» geschrieben, der endlich Klartext spricht und Wege aufzeigt, wie man mit einer Dreierkonstellation umgehen kann.

Denn «viele Affären funktionieren nach dem Prinzip Hoffnung», erklärt die Journalistin. Vor allem Schattenfrauen glauben oft (viel zu lange), sie kriegen ihn noch, ganz und gar, diesen verheirateten Mann. Fakt ist, macht er nicht in den ersten drei Monaten reinen Tisch, wird er es vermutlich niemals tun. Nur jeder Fünfte trennt sich aufgrund einer Affäre vom Ehepartner. Die übrigen Vier dürfen sich auf ein Zweitleben in Wartehaltung einrichten, in dem sie vor allem ständig angelogen werden.

Das viele Lügen und die Heimlichtuerei waren es letztlich die Karin Müller dazu bewogen haben, dieses Buch zu schreiben. So staune ich auch nur kurz, als sie mir im ersten Telefongespräch vor unserem Interview erzählt, sie kenne sich mit Affären so gut aus, weil sie selbst eine mit einem verheirateten Mann gelebt habe. Nur deshalb habe sie das Buch so ehrlich und direkt schreiben können. Auch der Paartherapeut kennt diese Situation nur zu gut. Jedes dritte Paar, dass zu einer Eheberatung kommt, kämpfe mit diesem Problem.

In Ihrem Buch fordern Sie die heimlichen Geliebten dazu auf, sich endlich das zu nehmen, was sie brauchen. Ein Anruf genüge, um die nichts wissende Ehefrau oder den Ehemann über die Affäre aufzuklären. Ist das denn so einfach?

Karin Müller: Meine damalige Affäre sagte immer zu mir, dass es seine grösste Angst sei, ich könnte eines Tages mal ausflippen und die ganze Sache hochkommen lassen. Dieses Tabu will ich durchbrechen, weil ich glaube, dass Seitensprünge und Affären inzwischen zur Normalität gehören. Je älter ich werde, desto mehr realisiere ich, ich bin umgeben von Leuten, die heimliche Affären leben. Und ich will sagen, geht offen damit um, denn von einer Affäre oder einer Aussenbeziehung sind eigentlich immer nur drei erwachsene Personen betroffen, die sich zusammenfinden müssten, wenn wir jetzt mal die Kinder weg lassen.

Die gesellschaftliche Moral hält immer zu den Betrogenen. Sie sagen, es ist eigentlich die dritte Person im Schatten, die alltagsgebeutelte Ehen noch zusammenhält.

Karin Müller: Wenn die Aussenbeziehung gut funktioniert, funktioniert auch die Ehe. Weil der Mann, wenn wir bei der klassischen Konstellation bleiben, sich alles, was ihm fehlt, bei der zweiten Frau holen kann. Wenn es dann aber auch Probleme mit der Affäre gibt, wenn sie beispielsweise droht sich zu trennen, beginnt die Fassade zu bröckeln.

Das klingt sehr selbstlos. Aber warum lässt man sich überhaupt auf die Rolle der Schattenfrau ein? Auf lange Sicht gibt man doch immer mehr, als man zurück bekommt. Und die Hoffnung auf eine offen gelebte Beziehung, Hochzeit, Kinder usw. erfüllt sich doch nur sehr, sehr selten.

Henri Guttmann: Aus psychoanalytischer Sicht glaubt man, dass der Ursprung in der Kindheit liegt. Es gibt sogenannte Vater-Töchter, die sich völlig auf den Vater fixieren. Weil eine romantische Liebesbeziehung zwischen Vater und Tochter natürlich tabuisiert ist, weist der Vater die Tochter immer wieder zurück. Wenn die Tochter dann erwachsen ist, sehnt sie sich wieder nach dieser Dreierkonstellation und sucht in ihren Männerbekanntschaften nach dieser Vaterfigur, die sie hintanstellt. Übrigens sind sehr viele Vater-Töchter mutige und beruflich erfolgreiche Frauen.

Karin Müller: Wenn ich eine eigene Familie und das ganze Drumherum möchte, dann ist es einfach völlig falsch, wenn ich mich in einen verheirateten Mann verliebe. Denn in solchen Beziehungen gibt es praktisch keine Aussagen über die Zukunft. Stattdessen wird man immer wieder in Warteposition versetzt. Sie kommen nach dem Hund, nach der Katze und wenn sich das Meerschweinchen das Bein gebrochen hat, kommen Sie auch nach dem Meerschweinchen. Wenn Sie aber das alles nicht wollen, also eine feste Partnerschaft, Hochzeitsglocken oder Familie, dann kann es auch Vorteile haben, wenn man die Dritte ist. Aber es ist tatsächlich so, dass sehr wahrscheinlich irgendwann der Tag der Wahrheit kommt, wo einer aus der menage à trois ausbricht und sagt: «Jetzt ist genug, entscheide dich!»

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