KommunikationsstudieMänner machen Frauen sprachlos

Laut einer amerikanischen Studie kommen Frauen in einer Männerrunde kaum zu Wort. Doch je mehr Frauen ins Geschehen eingreifen, desto innovativer gestalten sich die Ergebnisse der Diskussion. Warum lassen wir uns also über den Mund fahren oder bekommen ihn gar nicht erst auf?

Männer machen Frauen sprachlos

Männer sind laut, bestimmt und selbstbewusst. Und sie scheinen jede Diskussion an sich zu reissen, während uns Frauen die Stimme vor so viel Testosteron versagt. Das ist nicht nur das Gefühl sehr vieler Frauen, die sich in Besprechungen mit Kollegen regelmässig übermannt fühlen, sondern jetzt auch durch wissenschaftliche Untersuchungen bestätigt. Zufolge einer neuen Studie der Brigham Young und Princton University bringen sich Frauen bei Gruppen-Entscheidungen bis zu 75 Prozent weniger ein, wenn Sie in der Minderheit sind. Und das ist nicht nur schlecht für uns Frauen, sondern vermutlich auch für die so erreichten Diskussionsergebnisse.

Denn zufolge der Studie von Karpowitz und Mendelberg zeigte sich, dass die Redeaktivität von Frauen nicht nur mit ihrem Minderheitsstatus, sondern auch mit der Art und Weise der Diskussion zusammenhängt. Der Redeanteil von Frauen steigerte sich wesentlich, wenn es sich nicht um reine Mehrheitsentscheidungen handelte, sondern Entscheidungen, die über einen gemeinsamen Konsens erreicht wurden. Frauen sind also dann redestark, wenn es nicht allein um die Durchsetzung von Interessen geht, sondern wenn es darum geht verschiedene Positionen in Übereinstimmung zu bringen. Zudem zeigte sich, dass die Ergebnisse von Gruppenentscheidungen wesentlich unterschieden, wenn Frauen daran aktiv teilnahmen.

Frauen reden nicht weniger, sondern anders

Im Rahmen der Studie wurden verschieden gemischte Gruppen vor die hypothetische Aufgabe gestellt, gemeinsam verdientes Geld möglichst sinnvoll untereinander aufzuteilen. Es zeigte sich, dass, die Diskussionsergebnisse tatsächlich abhängig vom Grad der weiblichen Teilnahme war. Je mehr sich Frauen an der Diskussion beteiligten, umso innovativer und konstruktiver zeigten sich die Lösungswege. Die Ungleichheit zwischen Mann und Frau verschwand zudem fast gänzlich, wenn es nicht mehr um den quantitativen Redeanteil, die Lautstärke oder Durchsetzungsvermögen, sondern um die Qualität und Logik der Argumente ging.

Die Studie stützt damit unmittelbar die ökonomische Argumentation für die Einführung einer Frauenquote in wichtigen Entscheidungsgremien: Gender Diversity, also die Vielfalt der Geschlechter, hilft nicht nur dem Fortkommen der Frauen, sondern auch den Entscheidungsfindungen innerhalb der Wirtschaft und wichtigen politischen uns gesellschaftlichen Organisationen. Denn wenn Frauen verstummten, verlören wir nicht die Stimme von irgendjemandem, der einfach nur dasselbe nachplappere, was alle anderen schon sagen, sondern neue Perspektiven und Problemlösungen, so der amerkanische Politikwissenschaftler Karpowitz.

Entscheider und bissige Stuten

Doch bislang befinden sich Frauen in fast allen wichtigen Entscheidungsgremien von Organisationen und Unternehmen in der Unterzahl. Da man sich zufolge der Politik- und Kommunikationswissenschaftlerin Mendelberg in männerdominierten Gruppen meist dem Mehrheitsprinzip bediene, fühlten sich Frauen in der Minderheit tendenziell unwohl. Mit der Folge, dass sie sich entweder weniger beteiligten oder, weil sie sich benachteiligt fühlten, scheinbar umso aggressiver.

Denn generell reden Männer und Frauen gleich viel, das ist ebenfalls bewiesen. Aber sie reden anders! Hier fallen wir wohl in altbekannte Verhaltens- und Deutungsmuster zurück: Eröffnet eine Frau eine hitzige Diskussion und redet sie sich um Kopf und Kragen, gilt sie schnell als Hexe. Was beim Mann als Bestimmtheit gelobt wird, verleiht Frauen sofort das Etikett giftig und stutenbissig zu sein? (Denken Sie an Ihre eigene Schulzeit zurück: Welche Mädchen waren bei den Lehrern am beliebtesten? Die braven, bescheidenen oder die, die auch mal lauthals ihre Meinung heraus posaunten? Und nahm man dies den Jungs ebenso übel?) Mit den immer schon vorausseilenden Geschlechterstereotypen und den unterschiedlichen Wahrnehmungen von dem was Frauen oder Männer tun, fällt es Frauen deshalb schwerer, souverän unter Männern das Wort zu erheben.

Also ist doch alles ganz einfach: Frauen ans Mikrophon! Nicht ganz. Denn es ist keineswegs so, dass Männer die falschen Spielregeln alleine erdacht haben, sondern wir Frauen spielen natürlich seit Jahrhunderten mit und erziehen unsere Kinder gemäss dieser Normen. Tradierte Verhaltens- und Deutungsmuster zu überkommen, kann nicht auf einen Streich gelingen. Wir müssen uns langsam daran gewöhnen den Teufelkreis zu durchbrechen, denn schon die stereotype Wahrnehmung als Zicke, hält uns ja aktiv vom Sprechen und somit von der Verhaltensänderung ab. Tun sie es trotzdem, immer wieder. Und falls Sie die Männer trotzdem übertönen, halten ihnen einfach charmant den Mund zu. Dann können wir unsere Argumente ganz ruhig und gar nicht schrill vortragen.

Die Studie von Christopher F. Karpowitz, Tali Mendelberg et. al ist im August 2012 im American Political Science Review erschienen.

Text: Nathalie Türk/Linda Leitner

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