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Gemeinsam einsamEinsamkeit betrifft uns alle – wir sprechen darüber

Sie war schon vor der Pandemie da. Corona, ein heruntergefahrenes Sozialleben und abhanden gekommene Strukturen, machten sie aber noch stärker: Die Einsamkeit. Was kann helfen? Katrin Egloff von Tel 143 gibt im Interview Rat.

Einsamkeit und Pandemie: Interview mit einer Schweizer Sozialarbeiterin

Die Pandemie geht Hand in Hand mit der Einsamkeit. So dringlich es ist, an die äussere Gesundheit zu denken, so wichtig ist die Beschäftigung mit unserem inneren Wohlbefinden.

Mit Katrin Egloff, Ressortverantwortliche für Aus- und Weiterbildung bei der Dargebotenen Hand, haben wir über Einsamkeit und den Umgang mit ihr gesprochen.

Frau Egloff, worin liegt Ihrer Meinung nach der Unterschied zwischen alleine sein und Einsamkeit?

Alleine sein entspricht einem Bedürfnis. Es ist somit ein selbst gewählter Zeitraum, in dem ich mich alleine mit etwas beschäftige oder ausruhe und mich dabei wohlfühle. So bin ich meinerseits zufrieden, wenn ich Musik höre, ein Bad nehme, einen Spaziergang mache und dabei fotografiere.

Einsam hingegen fühlt man sich, wenn einem unfreiwillig soziale Kontakte fehlen, wenn man sich einer Gruppe nicht zugehörig fühlt oder die Kontakte durch die sozialen Medien unverbindlicher und oberflächlicher werden. Dazu kommen im Alter Verluste von langjährigen Freundschaften und Beziehungen, die nicht leicht ersetzt werden können.

Können Sie beschreiben, was Einsamkeit mit unserer Psyche macht und wie diese uns verändern kann?

Mit den Worten von Martin Buber «Der Mensch wird am Du zum Ich» wird deutlich, dass ein fehlendes Du Auswirkungen auf das Ich hat. Menschen sind soziale Wesen und brauchen Beziehungen für ihre körperliche und seelische Gesundheit. Einsamen Menschen fehlt der Austausch, das Gefühl der Verbundenheit, also gesehen, gehört und wahrgenommen zu werden. Auch die Zugehörigkeit und die Möglichkeit, für die Gesellschaft einen Beitrag zu leisten, ist ihnen abhanden gekommen. Das alles sind wichtige Bedürfnisse, die zu kurz kommen. Es gibt eine hohe Korrelation zwischen Einsamkeit, Depression und Suizidalität.

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Das Zugeständnis der Einsamkeit wird deutlicher.

In letzter Zeit hört man von vielen Personen, dass sie mit Einsamkeit zu kämpfen haben. Stellen Sie dies in ihrer Arbeit bei Tel 143 ebenfalls fest? Wenn ja, woran?

Einsamkeit ist ein Tabuthema, niemand sagt gerne, ich bin einsam. So gibt es viele Anrufende, bei denen im Gespräch deutlich wird, dass sie vermutlich einsam sind, sie rufen jedoch mit einem anderen Thema an. Das hat sich durch die Pandemie ein Stück weit verändert. Inzwischen hören wir öfters «jetzt bin ich noch einsamer als vor Corona». Dies gibt ihnen die Möglichkeit, offen über Einsamkeit zu sprechen.

Inwiefern denken Sie, dass die aktuelle Situation unsere Gesellschaft und uns als Individuen langzeitig beeinflusst? Welche Auswirkungen werden wir in der Zukunft von dieser Zeit sehen?

Die Pandemie verstärkt die bereits bestehenden Probleme. Wir stellen fest, dass Konflikte zunehmen, ebenso die psychischen Belastungen bis hin zu Suizidalität. Wir haben als Gesellschaft aber noch andere Baustellen, die zu diffusen Verunsicherungen beitragen, wie unter anderem die Klimakrise, das Artensterben, die Digitalisierung, die zunehmende Ungleichheit - alles Themen, für die es keine einfachen Lösungen gibt.

Was sind Strategien, mit denen wir in dieser herausfordernden Zeit nicht vereinsamen und auch andere nicht einsam werden lassen? Welche konkreten Vorschläge können Sie unseren Leser*innen machen?

2019 veranstaltete IFOTES einen Kongress zum Thema Einsamkeit. Dort wurde festgehalten, dass die Verringerung von Einsamkeit eine gesellschaftliches Aufgabe und Zuständigkeit ist. Es braucht auf allen Ebenen Interventionen. Als Beispiel wurde auf dem Kongress von einer Frau erzählt, die regelmässig Tram fährt, zum einen als Fenster zur Welt, zum andern um sich auf ihre Art zugehörig zu fühlen. Dies ist eine Art, mit der Einsamkeit auf individueller Ebene umzugehen.

Freiwilligenarbeit ist eine andere Form, um wieder neue Kontakte zu knüpfen und einen sinnvollen Beitrag zu leisten, der einem ein Gefühl der Erfüllung geben kann. Auf institutioneller Ebene ist die Enttabuisierung wichtig: Einsamkeit soll angesprochen werden, genauso wie andere Sorgen und Probleme auch. Auf Gemeindeebene können Begegnungsmöglichkeiten geschaffen werden, wie zum Beispiel die Integration einer Kita in ein Altersheim in Bern. Auf nationaler Ebene ist Prävention wichtig; so zum Beispiel Kampagnen, wie sie heute schon zum Thema psychische Gesundheit durchgeführt werden.

Titelbild: Pexels

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