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GendermedizinRosa Pillen für Frauen, blaue Pillen für Männer

Frauen werden anders krank. Warum ist noch kaum erforscht. Denn die meisten Studien werden nur mit Männern durchgeführt. Gender-Medizinerin Kerstin Schmit über Fehldiagnosen, Medikamente, die nicht wirken und kleine Männer.

Die Gendermedizin ist noch kaum erforscht, dennoch weiss man, dass es aufgrund der gesclechtsblinden Schulmedizin gerade bei Frauen oft zu Fehldiagnosen kommt. Wie Frauen und Männer unterschiedlich krank werden.

Magen- oder Rückenschmerzen, womöglich auch Übelkeit oder ein leichtes Schwindelgefühl. Wer unter diesen Symptomen leidet, denkt vermutlich an Kreislaufprobleme, Verspannungen oder Stress. Aber auch an einen Herzinfarkt? Denn was in medizinischen Lehrbüchern mit einem Drücken oder Stechen im Brustbereich beschrieben wird, trifft zwar grossteils auf Männer zu, nicht aber auf Frauen.

Weshalb sich Herzinfarkte bei Männern und Frauen unterschiedlich äussern, weiss man nicht. Denn erst Anfang der 90er Jahre fanden die beiden Amerikanerinnen Elizabeth Barrett Connor und Bernadine Healy heraus, dass die Herzen von Männern und Frauen unterschiedlich funktionieren. Eine Entdeckung, die den Grundstein für die Gendermedizin legte.

Kerstin Schmit hat sich auf geschlechtsspezifische Diagnostik spezialisiert. Die Ärztin, die in ihrer Zürcher Praxis Männer und Frauen behandelt, ist davon überzeugt, dass die Geschlechter anders erkranken. «Männer sind grösser und schwerer, haben einen anderen Körperbau, mehr Muskelmasse und weniger Fett. Das hat natürlich Einfluss auf die Symptome, Auslöser und den Verlauf von Erkrankungen», erklärt sie. Das klassische Beispiel ist der Herzinfarkt, der sich nur bei der Hälfte der Frauen mit den im Lehrbuch beschriebenen Symptomen bemerkbar macht.

Männer erkranken öfter an Krebs, Frauen an Alzheimer

Es gibt aber unzählige weitere Krankheiten, die auch die Hirnforschung (Frauen erkranken eher an Alzheimer, Männer leiden öfter an Durchblutungsstörungen des Gehirns) oder Orthopädie (Frauen leiden öfter an Osteoporose) und sogar Psychatrie betreffen. «Depressionen werden mit sozialem Rückzug, Freudlosigkeit und einem hohen Schlafbedürfnis beschrieben. Das mag vielleicht auf Frauen zutreffen, depressive Männer werden aber meistens aggressiv, sind gereizter, leiden unter Schlafstörungen, greifen zum Alkohol oder treiben exzessiv Sport.» Unterschiede gibt es auch bei Diabetes, Schlaganfällen oder in der Zahlheilkunde. Und während Männer öfter an Krebs erkranken, sind es bei Frauen vorrangig Entzündungen und Auto-Immunerkrankungen.

Gendermedizin – emanzipatorische Triebfedern?

Im Englischen steht «Gender» nicht für das biologische, sondern das soziale Geschlecht. Eine Steilvorlage für Debatten, die das Thema aber völlig verfehlen. Gendermedizin adressiert beide Geschlechter. Neben biologischen Unterschieden, spielen in der noch recht jungen Disziplin auch soziale, kulturelle und psychologische Aspekte eine Rolle.

Wenn Medikamente bei Frauen nicht wirken

Die eine Seite der Medaille ist die richtige Diagnose von Krankheiten, die andere die anschliessende Therapie. Denn auch hier gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede. Medikamente, die bei Männern wirken, müssen nicht unbedingt auch bei Frauen anschlagen. Das zeigt sich wieder beim Herz. «Männern wird zur Herzinfarktprophylaxe Aspirin verabreicht. Bei Frauen funktioniert das allerdings nicht», erklärt Kerstin Schmit. Auch Überdosierungen und Nebenwirkungen, welche bei Frauen wesentlich öfter auftreten als bei Männern, fallen in diesen Bereich.

«Man war sich lange sicher, dass die Frau ein kleiner Mann ist»

Medizinischen Laien erscheint es plausibel, dass eine 55kg schwere Frau eine geringere Dosierung benötigt als ein 80kg schwerer Mann. Das Körpergewicht ist aber nur ein Aspekt, denn die Geschlechter unterscheiden sich auch hinsichtlich ihrer Enzymfunktion – Medikamente werden verschieden schnell abgebaut. Hinzu kommt der Fettgehalt, der bei Frauen grundsätzlich höher ist. Arzneimittel lagern sich besser ab und bleiben länger im Körper. «Wenn Männer Schlafmittel einnehmen, stehen sie morgens auf und sind fit. Bei Frauen wirkt das Medikament aber oft noch bis Mittag», weiss Kerstin Schmit.

Es verwundert, dass die Forschung erst in den 90er Jahren herausgefunden hat, dass das Geschlecht bei der Wirkung von Medikamenten und dem Verlauf von Krankheiten eine Rolle spielt. Während Fachgebiete wie Pädiatrie oder Geriatrie schon ihre Daseinsberechtigung hatten, wurden biologische Unterschiede schlicht vernachlässigt. «Man war sich lange Zeit sicher, dass die Frau einfach ein kleinerer Mann ist», versucht sich Kerstin Schmit an einer Erklärung. Das ist aber nur ein Grund, der andere liegt in der Forschung.

«Frauen sind für medizinische Studien zu kompliziert»

Denn für den Grossteil der Studien, die Medikamente testen, werden junge Männer herangezogen. Selbst bei Untersuchungen mit Mäusen wird zum Mäuserich gegriffen. Kinder, ältere Menschen oder Frauen finden sich nur selten. Bei Letzteren weiss Kerstin Schmitt auch warum. «Sie sind zu kompliziert», schmunzelt die Medizinerin. «Frauen unterliegen aufgrund ihrer Menstruation jeden Monat hormonellen Schwankungen, was die Untersuchungen erschwert.» Auch der Contergan-Skandal der 60er Jahre hat wohl seinen Teil beigetragen, glaubt sie. Probandinnen dürfen weder schwanger sein, noch einen Schwangerschaftswunsch haben. Daher testet man Medikamente an Männern, bringt sie auf den Markt und nimmt an, dass die Ergebnisse auch für Frauen gelten.

Ein Umstand, der nicht so leicht zu ändern ist. Das Schweizer Arzneimittel-Kompendium fasst rund 4.000 Seiten und beinhaltet alle Medikamente, die am Markt zulässig sind. «Man müsste die Wirkung aller Arneizmittel nochmals untersuchen. Ein riesiger Aufwand, nicht zuletzt finanziell. Und ich glaube nicht, dass das im Interesse der Pharma-Firmen ist», gibt Kerstin Schmit zu Bedenken. So gibt es nur ein einziges Medikament, das für Männer und Frauen eine unterschiedliche Dosierung vorsieht – ein Mittel gegen anlagebedingten Haarausfall.

... und wo bleiben die Männer in der Gendermedizin?

«Wir müssen die Frauen erreichen, sonst rollen wir auf eine Gesundheitskatastrophe zu», glaubt Vera Regitz-Zagrosek, Leiterin des Instituts für Geschlechterforschung an der Berliner Charité. Ein wunder Punkt, an dem sich die Kritiker der Gendermedizin fragen: «Wo bleiben die Männer?». Sie werfen den Vertretern vor, nur die Frauen in den Mittelpunkt zu stellen. Zu Recht? Schliesslich haben Männer eine kürzere Lebenserwartung als Frauen und erleiden nach wie vor wesentlich häufiger einen Herzinfarkt als Frauen.

«Gendermedizin ist kein emanzipatorischer Angriff»

«Selbstverständlich muss man sich auch um die Männer kümmern», beschwichtigt Kerstin Schmit. Sie versteht die Prognose von Vera Regitz-Zagrosek nicht als emanzipatorischen Angriff, sondern als Weckruf. Werden in Lehrbüchern weiterhin Symptome beschrieben, die charakteristisch für Männer sind, und mit Medikamenten behandelt, die an jungen Männern getestet wurden, rutschen Frauen bei Diagnostik und Therapie durch den Rost. Deutlich zeigt sich diese Kluft wieder bei den Herzinfarkten. Denn obwohl Männer nach wie vor die Mehrheit repräsentieren, sinkt die Zahl der Fälle. Bei den Frauen werden es hingegen mehr. Hinzu kommt, dass sie öfter an einem Herzinfarkt sterben. Wer Magenschmerzen und Übelkeit verspürt, fährt selten ins Krankenhaus.

Gendermedizin für Männer: Eine Dosis Gesundheitsbewusstsein

«Bei Männern muss Gendermedizin an einem anderen Punkt ansetzen», sagt Kerstin Schmit. Nämlich beim Gesundheitsbewusstsein. «Männer gehen nicht gerne zum Arzt und kümmern sich weniger intensiv um Vorsorge». Während sich Frauen präventiv untersuchen lassen und eher auf einen gesunden Lebensstil achten, betreten viele Männer erst dann eine Arztpraxis, wenn sie bereits Beschwerden haben. Ein Aspekt, der auch die niedrigere Lebenserwartung bedingt. Denn Männer leiden öfter unter Erkrankungen wie Krebs, bei deren Heilung der Faktor Zeit eine wichtige Rolle spielt.

Die Erkenntnis, dass Männer und Frauen anders erkranken, ist  jung und die Forschung erst am Anfang. Lehrbücher und Arneimittelkataloge werden nicht über Nacht umgeschrieben oder Medikamenten eben mal neu getestet. Bis sich die Gendermedizin in den Köpfen und Büchern Platz verschaffen hat, liegt es an den Medizinern selbst abseits gängiger Pfade zu denken, glaubt Kerstin Schmit. «Es gibt einzelne Spezialisten, die sich über geschlechtsspezifische Unterschiede bereits bewusst sind, andere handeln intuitiv.» Ob bewusst oder nicht, biologischen Unterschieden sollte in der Medizin ein grösserer Stellenwert eingeräumt werden, da ist sich die Medizinerin sicher. Damit bei Diagnose, Therapie sowie Prävention von Krankheiten Frauen und Männer auch die Behandlung bekommen, die sie benötigen.

Wo steht die Schweiz in Sachen Gendermedizin?

Gendermedizin entstand in den 90er Jahren in den USA. In Deutschland gibt es an der Berliner Charité ein Institut für Gendermedizin, auch in Österreich wurde in Wien 2010 ein Lehrstuhl geschaffen. Trotzdem ist Gendermedizin angesichts der gravierenden Erkenntnise hinsichtlich geschlechtspezifischer Unterschiede in Diagnose und Therapie eine vernahlâssigte Disziplin. In der Schweiz beschäftigt sich offiziel nur das Forschungsnetzwerk «Gender Health» unter der Leitung von Prof. Dr. Elisabeth Zemp mit der Thematik.

Über Dr. Kerstin Schmit

Kerstin Schmit ist Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin und betreibt eine Praxis in Zürich. Sie hat sich in Traditioneller Chinesischer Medizin und Akupunktur ausbilden lassen sowie auf Ganzheits- und Gendermedizin spezialisiert. ganzheits-medizin.ch

Bild: Top Photo Group, Thinkstock

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