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Bittere Medizin?Die Anti-Baby-Pille und ihre Nebenwirkungen

«Was schlucke ich da eigentlich täglich?». Über die oft unbekannten Nebenwirkungen der Anti-Baby-Pille.

Die Rolle der Anti-Baby-Pille: Hilfe oder Risiko?

Céline (16): beidseitige schwere Lungenembolie mit Herzstillstand, Felicitas (25): Lungenembolie, Thrombose und Herzstillstand, Kathrin (24): Lungenembolie. Über hundert Frauen schildern auf der Seite risiko-pille.de schwere körperliche Beeinträchtigungen, welche durch die Pille ausgelöst wurden. Unter der Rubrik «Mythos Einzelfall» wollen sie aufklären und andere Frauen warnen. Ein Satz ist fast in jedem Bericht zu finden: «Ich wurde nie über die Risiken der Pille aufgeklärt!»

Warum wissen so viele Frauen nicht, welchen Risiken sie sich jahrelang durch das Einnehmen der Anti-Baby-Pille aussetzen? Immerhin ist und bleibt die Pille ein medizinisches Präparat, das jeden Tag aufs Neue geschluckt wird und mittlerweile im Beauty-Täschchen von 60 Millionen Frauen weltweit zu finden ist.

Die Pille als Lifestyle-Produkt?

Tatsächlich wird die Pille auch vermehrt als Beauty-Produkt statt Verhütungsmittel vermarktet und genutzt. Die neuste Generation der Anti-Baby-Pillen wirbt für sich, als diene sie primär kosmetischen und ästhetischen Zwecken. So soll sie die Brüste grösser werden lassen und – im Gegensatz zu früheren Pillen – weder eine schlechte Haut noch eine Gewichtszunahme zur Folge haben. Für viele junge Frauen Grund genug, die Pille einzunehmen. «Ich nehme die Pille nicht wegen der Verhütung, sondern für das Gesicht, die Figur und die Brüste», erklärt auch eine Schülerin gegenüber SRF Puls.

Dabei bleibt die Pille ganz klar ein Medikament mit Risiken und Nebenwirkungen. Denn neben den oben genannten Vorteilen hat die neue Pillengeneration auch ein doppelt so hohes Thromboserisiko wie ihre Vorgängerinnen. Thrombosen sind Blutgerinnsel, die zu einer Lungenembolie, einem Schlaganfall oder einem Herzinfarkt führen können.

Die Pille und ihre Generationen

  • Die Anti-Baby-Pille zählt zu den hormonellen Verhütungsmethoden.

  • Sie ist eine sogenannte Kombinationspille, da sie zwei chemisch hergestellte weibliche Geschlechtshormone, ein Östrogen und ein Gestagen, vereint.

  • Seit 1960 kamen vier verschiedene Pillen-Generationen auf den Markt.

  • Alle Pillengenerationen enthalten dasselbe Östrogen, unterscheiden sich aber im Gestagen. Dabei gilt das Gestagen «Levonogestrel» der zweiten Pillengeneration als risikoärmer als das Gestagen «Drospirenon» der vierten Generation. Dieses ist auch für das doppelt so hohe Thromboserisiko verantwortlich.

Die Rolle der Anti-Baby-Pille: Hilfe oder Risiko?

Die Anti-Baby-Pille ist auch nur ein Medikament mit Nebenwirkungen! Foto: Stockbyte, Thinkstock

Das Risiko einer Thrombose liegt bei den Pillen der dritten und vierten Generation zwar nur bei eins zu tausend, dennoch ist es drei bis vier Mal höher, als wenn gar keine Pille eingenommen wird. Zudem ist es doppelt so hoch wie bei der Pille der zweiten Generation.

Wenn eine ältere Pillengeneration ein geringeres Thromboserisiko aufwies, stellt sich zwangsläufig die Frage, warum überhaupt neue Generationen entwickelt werden. Antworten findet man hier – wie so oft – in der Wirtschaft. Sobald ein neues Gestagen entdeckt wird, kann eine neue Anti-Baby-Pille auf den Markt gebracht werden, selbst wenn diese weniger sicher ist als ältere Produkte. Eine Einführung, die der Pharmaindustrie Umsatz verspricht. «Man kann nicht sagen, dass die neue Forschung dazu beigetragen hat, die Pille noch verträglicher zu machen – im Gegenteil, sie wurde risikoreicher. Aber die Tatsache, dass neue Gestagene gefunden wurden, ermöglicht Firmen neue Produkte auf den Markt zu bringen», erklärt der Arzneimittelexperte Gerd Glaeske gegenüber der 3sat-Sendung Nano.

Bin ich die eine von Tausend?

Frau PD Dr. Gabriele Merki, Abteilungsleiterin Kontrazeption und Adoleszenz am Universitätsspital Zürich beschwichtigt. Dieses Spektrum der Gestagene sei wichtig, um für alle Frauen eine verträgliche Pille zu finden. Denn die Verträglichkeit einer Pille sei sehr individuell und könne man nicht vorhersehen. Zudem sei selbst das Risiko der neuen Generationen immer noch sehr klein und treffe in seltenen Fällen vor allem Neustarter oder Frauen ab 30 Jahren. Neustarter laufen Gefahr an Thrombose zu erkranken, da eine genetische Veranlagung vorhanden sein kann, die man aber erst durch den Kontakt mit den Hormonen feststellen könne. Und bei den Frauen ab 30 spiele das Altersrisiko eine Rolle. «Es kommen Risikofaktoren hinzu, die Frauen durch ihr Leben mitbringen, zum Beispiel Übergewicht oder hoher Blutdruck», erklärt PD Dr. Merki gegenüber Femelle.

Mangelt es an Aufklärung über die Anti-Baby-Pille?

Wie lässt sich in Anbetracht dieser Risiken der sorglose Umgang junger Frauen mit der Anti-Baby-Pille erklären? Es scheint fast so, als würden die Frauen nicht genügend informiert werden. Hier sind die Frauenärzte gefragt, ausreichend über hormonelle Verhütungsmethoden aufzuklären.

Was gehört in ein Beratungsgespräch zur Anti-Baby-Pille?

  • Die Kontrolle der Blutdruckwert

  • Die Empfehlung nicht zu rauchen

  • Bei Übergewicht die Empfehlung zur Gewichtsreduktion

  • Eine Analyse der Krankheitsgeschichte der Patientin und ihrer Familie. Laut Frau PD Dr. Merki müsse von der Pille abgeraten werden, wenn ein Verwandter ersten Grades unter 50 Jahren bereits eine Thrombose hatte. Denn dann bestehe das Risiko einer genetischen Veranlagung.

  • Auch ohne Krankheitsfälle in der Familie sollten Neustarter besser mit einer Pille der zweiten Generation beginnen.

  • Hinweis auf die Symptome einer Thrombose. Diese sind nach PD Dr. Merki einseitige Schmerzen im Bein und Beinschwellungen. Im Falle einer durch Thrombose ausgelösten Lungenembolie sind die Anzeichen dafür Atemnot und Schmerzen beim Atmen oder in der Brust.

Doch selbst nach einer gründlichen Aufklärung durch Frauenärzte bleibt ein Restrisiko bestehen. Wer auf hormonelle Verhütungsmethoden verzichten möchte, kann aber zu Alternativen greifen – beispielsweise zu Kondom, Kupferspirale oder das Diaphragma. Die Mehrheit, insgesamt 65 Prozent aller Schweizerinnen, verhütet jedoch mit der Pille und zeigt, wie selbstverständlich sie eingenommen wird.

Im Anbetracht ihrer Geschichte erstaunt dies nicht. Nach der Erfindung der Anti-Baby-Pille im Jahr 1960 entwickelte sich ein regelrechter «Pillen-Boom». Sie galt als feministische Errungenschaft und als Mittel der sexuellen Selbstbestimmung der Frau. Die Entscheidung für oder gegen die Pille sollte allerdings in vollstem Bewusstsein der Nebenwirkungen getroffen werden. Denn die Pille garantiert nur dem Mann folgenlosen Sex und setzt die Frau körperlichen Risiken aus. Um eine weibliche Selbstbestimmung garantieren zu können, bedarf es aber einer umfassenden Aufklärung und dem vollständigen Wissen darüber, was frau täglich zu sich nimmt.

Text: Naomi Stocker

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