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Swiss diversity Award Patrizia Laeri: «Männer und Frauen werden mit verschiedenen Ellen gemessen»

Patrizia Laeri lässt sich nicht unterkriegen. Weder in ihrer Rolle als Mutter, noch als Ökonomin, Wirtschaftsjournalistin und erfolgreiche Gründerin. Sie hat sich in einer Branche durchgesetzt, die bis heute stark von Männern dominiert ist. Ihre Mission: Die Lücken zwischen den Geschlechtern schliessen und Frauen über Finanzen aufklären. Denn dass Frauen weniger über die Wirtschaft wissen und sich von dem Thema nicht angesprochen fühlen, sei dem System geschuldet und nicht dem Geschlecht.

Patrizia Laeri
Patrizia Laeri © zvg

Wenn es um Gleichberechtigung geht, ist sie eine echte Kämpferin. Patrizia Laeri arbeitet auf vielen Ebenen daran, Frauen sichtbarer zu machen. Wir durften uns mit der Fintech-Unternehmerin unterhalten und haben nach der Frauenquote, der Mutterschaftsstrafe und Gehaltsdiskriminierung gefragt.

Finanzen und Wirtschaft sind Themen, die Frauen weniger interessieren. Warum ist das so?

Ich sehe das genau umgekehrt. Die Wirtschaft- und Finanzwelt interessiert sich nicht für Frauen. Jüngste Studien zeigen, dass die Finanzwelt Frauen gar nicht adressiert. 86% der Frauen fühlen sich von Tonalität, Jargon, Design der Industrie überhaupt nicht angesprochen. Die Geschäftswelt hat sich das Problem, dass Frauen sich weniger für die Wirtschaft interessieren, selbst geschaffen. Sie spricht sie als Mitarbeiterinnen und Kundinnen zu wenig an und sieht Frauen immer noch nicht als wichtige Akteuerinnen der Wirtschaft und Workforce.

Warum ist es wichtig, über Geld zu sprechen?

Es spielt eine grosse Rolle, wie in der Familie über Geld gesprochen wird. Mütter bringen ihren Töchtern klassischerweise bei, wie gespart wird und wie man ein Haushaltsbuch führt – das ist dann relativ langweilig und trocken. Väter bringen ihren Söhnen bei, dass Geld ein Mittel ist, um Träume zu verwirklichen. Sie wecken den Unternehmergeist, sprechen darüber, wie man investiert und sich etwas Grösseres aufbauen kann. Das macht wesentlich mehr Spass. Diese Art, über die Finanzen zu sprechen, zieht sich leider über Generationen.

Corona hat uns in der beruflichen Gleichberechtigung zurückgeworfen, die Gender-Pay-Gap ist gewachsen – warum bewegt sich das System so schleppend?

Das jetzige System ist günstiger für die Arbeitgeber. Viele behaupten, Frauen müssten einfach besser verhandeln, das stimmt aber nicht ganz. Natürlich muss man recherchieren und sich über Löhne informieren. Ich persönlich würde aber das System verändern und Arbeitgebern untersagen, nach der Gehaltsvorstellung zu fragen. Diese Frage diskriminiert Frauen, die wegen ihrer Sozialisierung weniger forsch verhandeln und bietet die perfekte Ausgangslage für Ausreden. Nach dem Motto: 'Frauen verlangen eben weniger.' Man sollte beim Gehalt transparent sein.

Leider kommt die Frage nach der Gehaltsvorstellung aber immer. Wenn Frauen dann verhandeln, wird ihnen das auch noch negativ ausgelegt und sie wirken unsympathisch. Das ist wirklich eine Gratwanderung.

Du bist ja auch Mutter von drei Kindern. Frauen mit Kindern haben leider oft weniger Aufstiegschancen, ein geringeres Gehalt und ein geringeres Arbeitspensum. Welche politischen Massnahmen kann es gegen die Mutterschaftsstrafe geben?

Es laufen Initiativen, die diese Situation verbessern sollen. Zum Beispiel die aktuelle Initiative zur Individualbesteuerung. Und diese Lösungen brauchen wir auch. 70% der Frauen arbeiten in Teilzeit, viele davon würden vielleicht gerne mehr arbeiten, werden aber von der Politik im Stich gelassen.

Im Moment setzt die Schweiz Anreize für die klassische Rollenverteilung. Das Alleinernährer-Modell – Mann arbeitet 100%, Frau bleibt zu Hause - steuerlich am meisten begünstigt. Was man als Ehepaar zusätzlich verdient, wird höher besteuert. Dabei muss man für die Zeit, in der beide Partner arbeiten, die Kinderbetreuung finanzieren. Und die ist in der Schweiz sehr teuer. Im OECD*-Schnitt ist die Schweiz eines der Länder, das am wenigsten in die Kinderbetreuung investiert – wir geben hier weniger für Kinderbetreuung aus, als für Kühe. Das wird dem Wohlstand unseres Landes nicht gerecht.

*OECD: Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

Immer wieder hört man Sätze wie: 'Wenn Frauen in die Topetagen kommen, liegt das an der Frauenquote und nicht daran, dass sie es verdienen.' Was kann man solchen Behauptungen entgegnen?

Ich verstehe gar nicht, wie man auf solche 'lustigen' Behauptungen kommt. Die grössten 20 Firmen in der Schweiz haben eine Männerquote von 100%. Dabei sind Frauen und Männer im Schnitt gleich intelligent. Dass in den Topetagen nicht gleich viele Frauen wie Männer sitzen liegt nicht an der fehlenden Kompetenz, sondern ganz eindeutig am System. Wer das nicht sieht kann nicht rechnen.

Welche Sexismus-Erfahrungen hast du in der Wirtschaftsbranche gemacht?

Als ich mit knapp 30 die Börsensendung übernommen hatte, gab es heftige Reaktionen. Ich bekam viele Schmähbriefe und E-Mails. Es hiess dann: ‘Was will mir diese Barbie über Aktienkurse erzählen? Die hat doch keine Ahnung.’ Dabei hatte ich die gleiche Kompetenz wie meine männlichen Kollegen und teilweise auch bessere Abschlüsse. Da wurde mir bewusst, was das Geschlecht, das Äussere und das Alter ausmachen.

Und so ging das auch weiter. Manchmal gaben mir Interviewpartner ihre Hotelzimmernummer oder machten vor laufender Kamera zweideutige Aussagen.

Lukas Hässig kritisierte deine Finanzplattform elleXX und dich persönlich. Dabei hat er dich auch sexistisch beleidigt. Warum müssen Frauen solche Aussagen über sich ergehen lassen?

Ich habe drei Kinder, ich bin über 40, ich bin Ökonomin und er bezeichnet mich als 'Seite 3 Girl'. Diese Art der Herabwürdigung ist ganz typisch sexistisch. Erstmal wird die Kompetenz untergraben.

Ich habe mich dann schon gefragt, ob je ein männlicher Unternehmer und Vater so extrem sexistisch bezeichnet wurde. Da wird einfach mit sehr unterschiedlichen Ellen gemessen.

Was rätst du Frauen, die Sexismus am Arbeitsplatz erleben?

Viele Betroffene haben Angst, etwas anzusprechen. Vor allem je höher das Abhängigkeitsverhältnis zu den Vorgesetzten ist. Zugang zum Recht ist immer auch eine Frage der Finanzen. Viele Betroffene wehren sich aber gar nicht erst, weil ein Prozess so teuer wäre. Jede Stunde beim Anwalt oder bei der Anwältin kostet 400 Franken. Deshalb rate ich jeder Berufseinsteigerin dringend zu einer Rechtsschutzversicherung. Zusätzlich muss aber auch ein stärkeres Bewusstsein dafür entstehen, dass Frauen diese Rechte haben. Damit sie sich trauen, ihr Recht einzufordern.

Tatsache ist: Frauen sind mit viel mehr arbeitsrechtlichen Themen und Fragen konfrontiert als Männer. Und genau hier soll unsere Plattform greifen. Ob Sexismus, Mobbing, Lohndiskriminierung, Scheidungen – Wir haben elleXX gegründet, um Frauen eine Hilfeleistung anzubieten. Unsere Plattform soll Frauen auf all diesen Ebenen stärken und schützen.

Du bist für den Swiss Diversity Award nominiert. Wie wichtig findest du solche Auszeichnungen?

Plattformen und Auszeichnungen wie diese sind wahnsinnig wichtig. Hinter solchen Preisverleihungen steckt so viel Engagement und Herzensarbeit. Für unsere Projekte bieten diese Awards und Veranstaltungen Sichtbarkeit. 'Seeing is believing': Mit Verleihungen wie dem Swiss Diversity Award können wir die Realität verändern und die Aufmerksamkeit auf Diversität richten.

Du willst Frauen auch dazu motivieren, ihr Geld anzulegen. Wann soll man anfangen zu investieren?

So früh wie möglich! Sparen ist linear, investieren ist exponentiell. Es bleibt anfangs nahe bei der Sparlinie, aber dann kommt mit dem Zeitfaktor die grosse Kurve nach oben und das ist der grosse Unterschied.

Es ist wichtig, dass mehr Frauen investieren, denn wir Frauen legen Geld nachhaltiger an als Männer. 92% der Frauen finden nachhaltiges Investieren wichtig bis sehr wichtig und informieren sich über den ökologischen Fussabdruck der Unternehmen. Frauen sollen die Zukunft mit ihrem Geld mitgestalten.

Hast du noch einen letzten Rat an unsere Leserinnen?

Kümmert euch um euer Geld, es kann wirklich sehr grossen Spass machen.

Seit zwei Dekaden engagiert sich Patrizia Laeri in vielen Bereichen für mehr Gleichberechtigung, 2018 gründete sie den editathon, ein Schreibmarathon bei dem Wikipedia-Einträge über wichtige Frauen in der Geschichte verfasst werden. Ausserdem initiierte und leitetet sie «Chance50:50», das grösste Diversity-Projekt des SRF. Gemeinsam mit Nadine Jürgensen und Simone Züger hat sie die Finanzplattform elleXX ins Leben gerufen. Das Ziel: Frauen in der Wirtschaft und in den Medien sichtbar zu machen. Nun ist Patrizia Laeri für den Swiss Diversity Award in der Kategorie «Geschlecht» nominiert.

Am 10. September wird im Kursaal Bern Diversität und Inklusion gefeiert und ausgezeichnet.

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