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So geht GlückKennst du die Ubuntu Philosophie?

Afrikanischer Humanismus hat schon einmal die Welt gerettet. Heute kann er es wieder tun. Vorausgesetzt, jeder versteht, worum es bei Ubuntu geht. Wir nennen Facts zur jahrhundertalten Lebensphilosophie.

Ubuntu: Die afrikanische Lebensphilosophie

Im Jahr 1994 kam es in Südafrika zum Ende der Apartheit. Fast fünf Jahrzehnte voller Unterdrückung, Mord, Sklaverei und brutalster Entwürdigung, waren vorbei. Doch ein grosses Aufatmen ging deshalb trotzdem nicht durch die Welt. Im Gegenteil: Es wurde befürchtet, dass es in Südafrika zu einem blutigen Krieg der Rache kommen könnte.

Sie haben tiefe Narben davongetragen

Denn warum sollte die schwarze Mehrheit der Bevölkerung nach Jahren der Qual und Folter einfach so den Schalter umlegen? Hochtrabende Politiker erklären die Rassentrennung für beendet und schon ist alles Friede, Freude, Eierkuchen? Wie sollten die Menschen in den übervölkerten Slums, die Witwen, die Eltern, die ihre Kinder verloren haben, und all die anderen Millionen von Menschen, die allein aufgrund ihrer Hautfarbe keine Möglichkeit zu Bildung, Beruf und sozialer Stabilität haben, einfach so tun, als wäre nie etwas gewesen? Sie haben tiefe Narben davongetragen und es wird noch lange dauern, ehe wirklich eine soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit herrscht. Bis heute ist das nicht der Fall. Und dennoch kam es im Jahr 1994 nicht zu der befürchteten Rache. Warum? Die Antwort heisst Ubuntu.

Ubuntu: Die Lehre der Menschlichkeit

Ubuntu bedeutet übersetzt so viel wie «Menschlichkeit» und gilt als eine uralte südafrikanische Tradition. Es geht um das gelebte Verständnis von Gegenseitigkeit, Nächstenlieben, Gnade und Vergebung. Ubuntu gilt unter Historikern und Soziologen als der ausschlaggebende Grund für das erstaunlich freidliche Ende der Apartheit. Gerade in den Jahrzehnten des Rassismus haben unterdrückte Schichten Ubuntu gelebt, den Wesenskern dieser Lehre verinnerlicht und als einzig wahrhaftige Überlebensstrategie verstanden. Man half sich gegenseitig, hielt zusammen, stütze sich, gab sich Trost und Hoffnung. Minderheiten hatten während der brutalen Rassenpolitik keinen Platz für Egoismus oder Arroganz. Nur wenn sie innerhalb der Gemeinschaft zusammengehalten haben, war ein Überleben möglich. Nur wenn das Wir stimmt, geht es auch dem Ich gut. Und zu diesem Gedanken zählt nicht nur die Fähigkeit der Fürsorge, sondern auch der Vergebung. Ubuntu ist Humanismus in seiner reinsten Form. Deshalb hat es diese Philosophie auch möglich gemacht, dass Schwarze das Ende der Apartheit als Segen verstanden, ihren Peinigern vergaben und sich nicht nach Rache, sondern nach einer friedlichen Zukunft gesehnt haben.

Nicht viel Geld, sondern viele Freunde machen reich

Die Lehren des Ubuntu besagen, dass der Egoismus, nach dem jeder versucht, das Beste für sich und seine Familie zu sichern, eine trügerische Einbahnstrasse ist. Zwar ist es logisch und natürlich, an sich selbst zu denken. Doch der Weg zum Ziel führt gerade nicht über das «ich», sondern ausschliesslich über das «wir». Nur wenn es allen gut geht, geht es auch mir gut. Das gilt längst nicht nur in Südafrika, sondern vor der unserer Haustür. Nur wenn jeder Zugang zu Bildung, bezahlbaren Wohnungen, gesundheitlicher Versorgung und privatem Glück hat, entsteht daraus eine stabile, gesunde zufriedene und vor allem friedliche Gemeinschaft, in der dann auch jeder Einzelne sein Glück finden kann. Vielleicht sogar mit etwas mehr oder weniger Besitz als der Nachbar. Kleine Unterschiede spielen dann keine Rolle mehr. Wenn es im Grossen und Ganzen jedem so gut geht, dass er gönnen und vergeben kann, haben Neid, Feindschaft und andere spaltende Gefahren keine Chance mehr. Dann sind wir alle eins. Und in dieser Einheit so individuell und glücklich, wie wir es durch kräfteraubende Distanzierung niemals erreichen würden. Es kostet mehr Kraft eine Mauer zu bauen und langfristig zu erhalten, als potentiellen Eindringlingen die Hand zu reichen.

Ubuntu im Alltag: Menschlichkeit geht immer

Das Beste an Ubuntu ist übrigens nicht nur, dass es eine Lehre ist, die der Welt wirklich helfen kann, sich zu vereinen, sondern vor allem, dass es eine Lebenseinstellung ist, die jeder jeden Tag praktizieren kann. Denn was im «kleinen Wir» beginnt, endet früher oder später im «grossen Wir». Beispiel: Wir können unseren Kindern humanitäre Werte vermitteln. Wir können nicht wütend, sondern wohlwollend reagieren, wenn uns jemand im Strassenverkehrt die Vorfahrt nimmt. Wir können der Dame an der Kasse ein Lächeln schenken, um ihre Arbeit zu würdigen. Wir können unseren Nachbarn helfen, den schweren Einkauf die Treppe hinauf zu tragen. Wir können Streit in unserem Freundeskreis beilegen. Wir können weniger mit dem Auto, dafür mehr mit dem Fahrrad fahren. Oder hin und wieder auf Fleisch verzichten. Ubuntu dreht sich nämlich nicht nur um die Menschen in unserer Nähe, sondern auch um Mutter Natur. Wir können weniger Plastik verbrauchen, oder weniger Fast Fashion kaufen. Ach, wir können noch so viel tun. Fangen wir doch einfach gleich damit an. Ubuntu funktioniert nämlich nur, wenn alle mitmachen.

Titelbild: Unsplash

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