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Dinge, die ich nicht versteheWieso erzählen wir uns nicht mehr von unseren Problemen?

In der Reihe «Dinge, die ich nicht verstehe» teilt Redakteurin Luise mit euch alles, was bei ihr ein Stirnrunzeln verursacht. Heute: Warum erzählen wir Freunden nicht mehr von unseren Problemen?

Dinge, die ich nicht verstehe: wieso reden wir mit unseren Freunden nicht mehr über Probleme?

Folgende etwas vorwurfsvolle Frage stellte ich neulich bereits schon zum zweiten Male einem meiner Kollegen: «Wieso hast du denn nicht schon viel früher was gesagt?». Ob ich als Freundin etwas an seinem Problem hätte ändern können? Sicher nicht.

Aber vielleicht hätte ich ihn in dieser Zeit unterstützen können. Ihm irgendwie helfen. Das tun ein offenes Ohr oder ein Rat schliesslich immer. Und dafür sind Freunde doch da. Was eine enge Freundschaft für mich persönlich ausmacht, ist ganz bestimmt die Möglichkeit, nicht immer nur über Friede, Freude und Eierkuchen, sondern auch über Probleme und Sorgen sprechen zu können.

Mal das heulende Elend sein zu können. Die Versagerin. Die, die sich tierisch aufregt. Oder die Enttäuschte. Die Sitzengelassene. Die Gefeuerte. Die, bei der nicht alles rund läuft.

Ich habe regelrecht Angst vor Oberflächlichkeit, wenn es um private Beziehungen geht.

Es gibt auch diese irgendwie so erwachsen wirkenden Freundschaften, in denen man eben nicht heulend vor einem Shot Vodka am Küchentisch sitzt, sondern einfach nur die schönen Dinge des Lebens miteinander geniesst. Auf Erfolge anstösst, neue Wohnungen präsentiert, Ski fährt, auf Apéros smalltalked und sich (Achtung) «vernetzt». Auch ok. 

Aber ich habe regelrecht Angst vor Oberflächlichkeit, wenn es um private Beziehungen geht und vielleicht spricht aus dem Satz «Wieso hast du denn nicht schon viel früher etwas gesagt?», wenn einem die Kollegin mitteilt, sie und ihr Freund haben gerade eine riesen Krise samt Beziehungspause hinter sich gebracht, eben diese Angst.

Die Sorge, dass dies das erste Anzeichen dafür sein könnte, dass sich Freundschaften mit dem Alter verändern und oberflächlicher werden. Irgendwann beobachtete ich bei meinen Eltern, dass sie nicht wie ich zehn, sondern nur drei enge Freunde hatten. Wo waren all die Schulfreunde aus ihren Fotoalben hin? Auf die Frage, was denn passiere, entgegnete man mir: «Das Leben passiert».

Dass Beziehungsangelegenheiten eben nur den Partner oder die Partnerin etwas angehen.

Und dann erlebte ich es selbst: man zieht fürs Studium oder für den Job fort, man hat weniger Zeit, der Freundeskreis verkleinert sich. Doch die Freunde, die bleiben, sollen doch bitte auch so eng wie eh und je bleiben! Sie sollten nicht denken, dass sie nicht Schwäche zeigen können. Dass «private Beziehungs- oder Familienangelegenheiten» eben nur den Partner oder die Partnerin oder die Familienmitglieder etwas angehen.

Oder dass man doch nicht schlecht über den Boyfriend sprechen kann, weil man seinen Freunden und damit auch sicht selbst dadurch schliesslich (ein)gestehen muss, dass die eigene Beziehung eben nicht so perfekt ist. Aber was ist schon perfekt? 

Indoktriniert uns die Erfolgsgesellschaft so sehr, dass wir irgendwann denken, selbst vor unseren Freunden dürfen wir keine Loser sein? Werden wir immer verletzlicher und denken wir anders über unsere Privatsphäre und die unserer Partner, Familienmitglieder oder anderen engen Freunden? Oder verlieren wir das Vertrauen?

Dinge, die ich nicht verstehe. 

Titelbild: Pexels

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