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Endless LovePolyamorie – das Beziehungsmodell der Zukunft?

Kann man wirklich nur einen Menschen lieben? Oder ist Liebe nicht vielmehr etwas, was sich verdoppelt, wenn man es teilt – je öfter, desto intensiver? Die Polyamorie sagt Ja! Wir erläutern das Thema.

Polyamorie oder offene Beziehung?

Die Dunkelziffer ist hoch. Die Grenzen sind schwammig. Und überhaupt lässt sich nicht so richtig in Zahlen fassen, wie treu wir Menschen in der Schweiz wirklich lieben und leben. Fakt ist aber: Beziehungen scheitern immer wieder an einem Seitensprung. Oder daran, dass sich ein Partner neu verliebt, Eifersucht im Spiel ist oder Bedürfnisse unterdrückt werden müssen.

Die Stolpersteine einer klassischen, monogamen Zweierbeziehung kennt jeder und die Scheidungsrate in der Schweiz spricht für sich. Ganz so grossartig kann die monogame Beziehung also nicht sein. Die Polyamorie versucht nun eine Antwort – und vielleicht sogar eine Lösung – darauf zu geben. Was, wenn wir gar keine monogamen Wesen sind und demnach auch nicht so leben sollten? Was, wenn eine offene Beziehung der goldene Schlüssel zum Glück ist? Wir sind dem Ganzen auf die Spur gegangen und klären auf.

Definition Polyamorie: Was ist das eigentlich?

Polyamorie ist ein immer populärer werdender Begriff. Er leitet sich aus den Worten «poly» (mehrere) und «amor» (Liebe) ab und existiert etwa seit den 60er Jahren. Das Jahrzehnt der «Freien Liebe» war Anstoss für eine neue Denkweise: Polyamorie stellt die konventionelle Monogamie in Frage und gibt uns die Chance, mehrere Partner gleichzeitig zu lieben – sowohl körperlich, sexuell, als vor allem auch emotional.

Dass sich in jüngster Zeit immer mehr Befürworter dieser offenen Art von Beziehungsform finden, mag daran liegen, dass moderne Kommunikationsformen eine rasante, weltweit organisierte und, sofern man es möchte, sogar anonyme Vernetzung zulassen. Polyamore Menschen auf der ganzen Welt finden sich über Online-Foren und verabreden sich mit anderen Personen zu Stammtischen, Treffen und gemeinsamen Wochenenden. Die Beziehungsform ist also längst kein Einzelfall mehr.

Offene Beziehung oder Polyamorie?

Offene Beziehungen werden immer populärer. Der Grund dafür ist vielleicht eine Hoffnung, die dahinter steckt. Die Hoffnung, Liebe nicht mehr begrenzen zu müssen. Offene Beziehungen erlauben es, sich mehreren Menschen vor allem sexuell zu öffnen, während Polyamorie Partnerschaften, mit allem drum und dran, mit mehreren Partner gestattet.

Beide Formen aber schützen uns vor einem grossen Schmerz: Der grossen Enttäuschung, wenn ein Partner fremdgeht. Fremdgehen gibt es in der Polyamorie nicht. Die Liebe ist offen, frei wie ein Vögeli! Aber – und das ist jetzt eben ein wichtiger Unterschied zu einer so genannten offenen Beziehung – nicht nur in körperlicher Hinsicht. Personen die polyamor leben gehen vor allem in emotionaler Hinsicht eine intime Liebesbeziehung mit mehreren Menschen ein. Rein körperliche Beziehungen sind zwar ebenfalls möglich, aber seltener. Polyamorie ist quasi ein emotionales Sharing-System.

Ehrlichkeit ist Alles in so einer Beziehung

Polyamor zu leben ist komplex. Die offene Beziehung basiert auf absoluter Ehrlichkeit, Offenheit, klaren Regeln und einer guten Kommunikation. Ohne diese Grundpfeiler könnte ein solches Beziehungskonstrukt gar nicht funktionieren. Eben darin sehen viele polyamore Menschen auch den Mehrwert ihrer Liebesform: So ehrlich wie hier, können sie in keiner monogamen Beziehung sein.

Das Zusammensein basiert auf reiner Freiwilligkeit und Unabhängigkeit. Zudem, so sagen es jedenfalls viele Menschen die in einer offenen Beziehung sind oder polyamor leben, fühlt sich die Liebe zu einem Partner umso exklusiver an, wenn er die Möglichkeit hat, verschiedene Beziehungen zu Menschen zu führen.

Und was ist mit der Eifersucht?

Solch einer Art von Partnerschaft basiert auf einem grossen Vertrauen. Doch deshalb ist Eifersucht nicht zwingend ein Fremdwort. Betroffene berichten, dass sie vor allem in den Anfängen einer polyamoren Beziehung mit Eifersucht zu kämpfen hatten. Allerdings helfe die Grundüberzeugung, dass sich Liebe verdoppelt, wenn man sie teilt. Liebe ist grenzenlos – und genau deshalb hat Eifersucht eigentlich keinen Nährboden; so lautet jedenfalls die Theorie.

Polyamorie: Nicht normal?

In der Praxis sind Poly-Beziehungen dennoch nicht immer so einfach, wie der Gedanke an die Freiheit der Gefühle klingen mag. Menschen die in einer polyamoren Beziehung leben, haben immer wieder mit Vorurteilen zu kämpfen. Sie gelten oft als «nicht normal», was mitunter zur Folge hat, dass nicht-monogam lebende Personen ihre Einstellung nicht öffentlich teilen und ausleben können. Abgesehen davon kommt die Polyamorie spätestens dann an ihre Grenzen, wenn es um rechtliche Fragen, wie Eheschliessungen oder Erziehungsberechtigung geht.

In diesen Punkten diktiert die Monogamie noch immer die Vorgehensweisen. Ob das fair ist? Das muss wohl jeder für sich selbst beantworten. Fakt ist nur eines: Monogamie ist nicht alles, und unsere Gesellschaft nach wie vor verdammt verkorkst.

Definition und Fakten

  • Was ist Polyamorie? Polyamorie beschreibt eine langfristige Beziehung zwischen mehr als zwei Personen, die auf völliger Offenheit und Informiertheit basiert. Die Beziehungen sind dabei sowohl körperlich als auch emotional.
  • Rechtliches: Während Polygamie, also eine Mehrfachheirat, in der Schweiz verboten ist, verstösst die Polyamorie nicht gegen das Gesetz.
  • Unterschied zu offenen Beziehungen: Beruht eine Beziehung zu mehreren Personen nicht auf Emotionen, sondern ausschliesslich auf Sexualkontakten spricht man eher von einer offenen Beziehung.
  • Lieb ist Arbeit – immer! Polyamorie ist kein Selbstläufer. Oft bedürfen derartige Beziehungskonstrukte ein besonders hohes Mass an Kommunikationsbereitschaft.
  • Für Gleichgesinnte: PAN nennt sich der Verein «Polyamores Netzwerk», welches Treffen organisiert oder Tipps gibt, wie man sich online mit Gleichgesinnten austauschen kann.  (https://polyamory.de)

Titelbild: Unsplash 

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