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FASHION 2.0Streetstyle Blogs lösen Modemagazine ab

Ihre Liste ist solang wie ihr Arbeitsort: Streetstyle Blogger gelten unter Fashionistas als erste Adresse für Stilfragen. Credo: Jeder kann Mode. Credibility: Die Strasse. Auch jedes Modemagazin sonnt sich inzwischen im Glanz des Asphalts. Doch ist der Hinterhof modisch tatsächlich spannender und einflussreicher als die mondäne Inszenierung im Fotostudio?

Streetstyle Blogs

Wir finden sie überall, die gut gekleideten Menschen, die im Vorbeilaufen angehalten wurden und nun lässig, aber statisch vor Hauswänden und in Parks posieren. Die unendlichen Bilderstrecken im Internet sind so lang wie die Strassen der Metropolen, in denen sie aufgenommen wurden. Ganz normale Menschen auf der Strasse sind die Models des digitalen Zeitalters. Was sie tragen ist nicht Trend, sondern Einzigartigkeit.

Das ist die ursprüngliche Intention des Streetstyle Blogs: man wünschte sich weg vom Diktat übermächtiger Instanzen wie der Vogue oder namhaften Designern, hin zur modischen Individualität und Demokratisierung des Mode-Kosmos. Dass die grossen Hochglanzmagazine die Idee aus dem Netz aber längst aufgegriffen und für sich vereinnahmt haben, lässt eine revolutionäre Befreiung der Mode fraglich erscheinen. Wieder scheint die modische Authentizität des Einzelnen der Modeindustrie zum Opfer zu fallen.

Rodic und die Anfänge des Streetstyle Blogs

Einer der prägendsten Streetstyle Blogger der Welt, Yvan Rodic, besser bekannt als Facehunter, will dem Fashion Victim von heute neue Perspektiven und breitere Vielfalt bieten. Mit seinen urbanen Streifzügen, die er fotografisch festhält und ins Netz stellt, entthronte der gebürtige Schweizer als einer der ersten die kommerzielle Modeindustrie, indem er die interessierten Leser von Hochglanzmagazinen nach draussen lockte und ihnen das Stilgefühl der  Strasse vorführte. Dabei singt er, ebenso wie sein New Yorker Blogger-Kollege Scott Schumann, bekannt als The Sartorialist, eher eine Hymne auf Individualität als auf die Mode selbst. Denn ursprünglich wollte Rodic gar keine Outfits zeigen.

2005 erhielt Ivan Rodic ein schicksalhaftes Weihnachtsgeschenk: eine Digitalkamera. Mit dieser bewaffnet, wilderte er erstmals auf den Strassen der Metropolen und machte sich auf die Jagd nach interessanten Gesichtern und Charakteren. Daraus entstand dann übrigens auch das weltbekannte Pseudonym Facehunter, unter dem der ehemalige Werbetexter seine Bilder auf dem gleichnamigen Blog vorstellte. Bald schon wuchs seine Vision vom individuellen Ausdruck der Persönlichkeit ebenso wie sein Bildausschnitt und er begann, den gesamten Menschen zu fotografieren. Der Streetstyle Blog war geboren. Seine Linse richtete er dabei immer auf interessant und stilvoll gekleidete Leute auf der Strasse. Denn Stil sagt auch immer etwas über die Persönlichkeit aus. Sein Streetstyle Blog hatte deshalb ursprünglich nur am Rande mit der Modewelt zu tun, erklärte Rodic in einem Interview mit der ZEIT (zeit.de).

Als Rodic begann, konnte sich noch niemand vorstellen, dass Modeblogger je ein Job sein könnte, von dem man leben kann. Streetstyle Blogger jagen nicht unbedingt der High Fashion hinterher, auch wenn es inzwischen Kollegen gäbe, die an einem Bild von Stilikonen wie Anna Dello Russo ganz gut verdienten. Die meisten seiner «Models» von der Strasse tragen aber eher Second Hand-Klamotten als teure Designer-Stücke. Erlaubt ist alles, jeder trägt was ihm gefällt, hier ist jeder sein eigener Stylist. Es geht um die Kreativität des Einzelnen, um Individualität und um die authentische Natürlichkeit des eigenen Geschmacks.

Denn Rodic will sich mit seinem Streetstyle Blog bewusst von der Künstlichkeit der Hochglanzmagazine und Designer entfernen. Anstatt ihren Trendvorschriften zu folgen, eröffne sein Blog unzählige Inspirationsquellen, die nun scheinbar an jeder Strassenecke zu finden sind.

Die neue Macht der Streetstyle Blogs

Doch der Hype um die gut gekleideten Menschen vor den bröckelnden Fassaden der Metropolen und deren Kommerzialisierung scheint inzwischen seinen Zenit überschritten zu haben. Modeblogger aus aller Welt pilgern inzwischen zu den Fashionweeks und lichten nicht mehr nur unbekannte Menschen ab, sondern stürzen sich vor allem auf die stylischen Models und Moderedakteure. Dadurch steigert sich nicht nur der Bekanntheitsgrad der Fotografierten, sondern auch die Blogger selbst werden paradoxerweise zu gefeierten Stars, die in den ersten Reihen am Runway, eingebettet in die grosse Mode-Maschinerie, im Blitzlichtgewitter thronen. So wendet sich Streetstyle Blogger Radic inzwischen von den Prachtstädten wie Mailand, Paris und New York ab und sucht an von der Modeindustrie noch unentdeckten Orten wie Reykjavík oder Jakarta unablässig weiter nach kleinen Ikonen, die die Modewelt erfrischen.

Tatsächlich weht ein frischer Wind durch die Modewelt. Aber leider beschränken sich die grossartigen Veränderungen lediglich auf die neue Darstellung und die schiere Masse an Fashion Bloggern. Als wirklichen «Motor der Demokratisierung» könnten die modischen Strassenkinder und ihre revolutionären Schöpfer nicht fungieren, schreibt die Wiener Soziologin Monica Titton in ihrem Essay «Mode in der Stadt». Dennoch haben «Street-Style-Blogs (...) eine Macht entfaltet, die auch in der Vermittlung von Mode ihre Spuren hinterlässt«, sagt Titton.

Und da die Vogue durchaus auch weiss, was angesagt ist, hat sich diese bereits 2010 zehn der bekanntesten Modeblogger ins Boot geholt und für ihre Märzausgabe geshootet. Frei nach dem Streestyle Blogger-Motto «Normalos sind die neuen Models». Da posierten sie dann, die unabhängigen Trendjäger aus dem Café gegenüber, die  partout keine Trendsetter sein wollten. Und zwar in farblich abgestimmten Outfits und so gar nicht mehr unkonventionell und individuell.

Auch Moderiesen wie H&M und Zara haben sich inzwischen dem Phänomen des Streetstyle Blogs angenommen und posten fleissig die neusten Looks der hipsten Städte und aufregendsten Festivals. So wäscht wohl eine Hand die andere, jeder lässt sich vom anderen inspirieren und die Auswahl an neuen Trends wird durch diese Dynamik tatsächlich grösser.

Nein halt, die Strasse schert sich ja angeblich nicht um Trends...

Text: Linda Leitner

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