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Detox-DiätWarum Entgiften ein Mythos ist und wie wir trotzdem gesund leben

WORTH THE HYPE Da können wir Gift drauf nehmen. Aus medizinischer Sicht ist die Detox-Diät Unsinn. Den Körper mit Gemüsesäften zu entgiften, spült lediglich Geld in die Kassen der Wellness-Industrie. Dabei ist gesund leben ganz einfach und sehr viel preiswerter. Die Fakten.

Detox-Diäten liegen voll im Trend, aber halten sie auch, was sie versprechen. Ein Faktencheck.

Ich weiss nicht, wie es euch geht. Anfang Januar fühle ich mich meist, als wäre ein Laster über mich drüber gefahren. Mein Gesicht ist so fahl wie die Tage grau sind. Ständig bin ich müde und nach all den Cüplis, Braten, Fondues, Raclettes und Guetzli gibt es eigentlich wenig, worauf ich noch Lust habe.

Da tönt die Idee verführerisch: Mit Detox-Smoothies und Detox-Tees wasche ich meinen Körper von kalorienträchtigen Sünden der Fest- und Schlemmertage rein. Meine Leber hat nach alldem Zuprosten wahrscheinlich auch eine kleine Detox-Kur nötig.

Was ist Detox?

Dank der Detox-Diät sollen nämlich die ganzen angestauten Gifte (Schlacke), die wir über die Umwelt und unsere Ernährung zu uns genommen haben, wieder rausgespült werden. Die Haut soll wieder strahlen, die Haare glänzen. Nachdem unser Körper rundum entgiftet ist, sollen wir uns fitter fühlen, weil der frisch durchgeputzte Körper besser arbeiten könne. Und den Weihnachtsspeck könnten wir dabei auch gleich weg detoxen. Ich kann sowies keine Schoggi mehr sehen! Ein paar Tage Heilfasten und Entgiften, kein Problem

Wer einem Detox-Diät-Plan folgt, oder wie man inzwischen auch häufig sagt, sich einem Cleanse (dt. Reinigung) unterzieht, verzichtet einige Tage auf so genannte «übersäuernde» Lebensmittel wie Fleisch, Käse, Weizenprodukte, Süssigkeiten, Kaffee, Soft Drinks, Alkohol, Zigaretten und Kaffee und ernährt sich vor allem pflanzlich und basisch (Zum Weiterlesen empfohlen: Basisch essen im Diätcheck).

Woher kommt Detox?

Der Begriff «Detox» bedeutet «Entgiften» und geht auf den Mediziner Dr. Nish Joshi zurück. Der entwickelte die Detox-Diät einst für Prinzessin Diana und glaubt bis heute an die sichtbare Wirkung: «Wenn Ihnen innerhalb von zwei Wochen niemand sagt, wie grossartig Sie ausschauen, müssen Sie mogeln«.

So sieht ein Detox-Diätplan aus

Eine Detox-Diät wird in der Regel von 3 bis 21 Tagen empfohlen. Während drei-5 Tagen begrenzt sich die Detoxdiät vor allem auf das Saftfasten. Ab 7 bis 21 Tagen kann man das ganze Programm durchlaufen. Länger als 21 Tage am Stück sollte man aber keine Detox-Diät machen.

1 Darmspülung

Häufig beginnt eine Detox-Kur mit einer Darmspülung. Die Idee dahinter ist, dass sich im Darm schädliche Beläge von Kot festkeilen könnten, die krankheitsverursachende Gifte zurück in das System leiten würden. Schulmediziner bestreiten, dass sich derartige Kotrückstände ansammeln und empfehlen Darmspülungen nur wenn es medizinisch angezeigt ist.

2 Saftfasten: Dann folgen einige Fastentage in denen man laut der Detox-Diät lediglich Gemüse- und Fruchtsäfte, Suppen, Wasser und entwässernde Detox-Tees zu sich nimmt.

3 Detox-Wellness

Zum Trost für die asketischen Tage gibt es Detox-Wellness. Zusätzlich zur Detox-Diät werden durchblutungsfördernde Massagen und Peelings sowie entwässernde Wickel (Body Wraps) empfohlen. Auch bei heissen Bädern, Sauna, Hamam, Bikram Yoga und Pilates lässt sich zusätzlich rausschwitzen.

4Detox-Tage

Nach dem Heilfasten gibt es wieder feste Nahrung für den entwöhnten Kiefer. Kohlenhydrate, Weizenprodukte sowieso, Haushaltszucker, Milchprodukte, fettes und rotes Fleisch, Alkohol und Nikotin sind aber weiterhin vom Diätplan gestrichen. Dafür dürfen wir reichlich Gemüse und Obst greifen.

5 Aufbau-Tage

In den letzten Tagen der Detox-Diät kommen wieder Kohlenhydrate auf den Teller. Am besten aus Vollkorn, Weissmehl bleibt tabu. Auch Milchprodukte, Fisch und fettarmes Fleisch sind wieder erlaubt. Grundsätzlich kann man die Ernährung der Aufbautage als ausgewogene, gesunde Kost beschreiben.

Bist du drogensüchtig? Warum entgiftest du dann?

Auf dem Detox-Diätplan stehen vor allem Säfte, Smoothies, Suppen, Wasser und Tees.

Durst auf Detox? Wohl bekomm's! Bild: iStock

Bevor ihr aber den Entsafter vom Schrank holt oder euch für eine Detox-Diät-Kur anmeldet, solltet ihr etwas wissen: Aus medizinwissenschaftlicher Sicht ist Detox (dt.: Entgiften), Saftfasten, Entgiften, Entschlacken oder Heilfasten - wie auch immer es genannt wird – leider Quatsch. Und noch eine Illusion müssen wir uns rauben lassen. Sowas wie «Schlacke» kennt die Medizin gar nicht. Wenn irgendwas rausgeschwitztes auf dem Detox-Patch plötzlich braun wird, ist das nur Schweiss, der sich mit der Substanz, die im Pflaster extra beigegeben wurde mischt und bräunlich verfärbt. Warum? Damit wir auch den Beweis für unsere Entgiftung haben. Dreck ist ja schliesslich immer braun, oder? Und Schweiss?

Der emeritierte Medizinprofessor Edzard Ernst, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Phänomene der alternativen Medizin mit den Methoden wissenschaftlicher Forschungsanalyse zu messen, brachte den Sinn und Unsinn von Detox im Guardian auf den Punkt: «Es gibt zwei Arten von Detox. Die eine ist respektabel, die andere nicht.» Die respektable Art sei die medizinische Behandlung von Menschen, die unter einer lebensbedrohlichen Drogensucht litten. «Die andere ist das Wort das von Unternehmern, Quacksalbern und Scharlatanen gekapert wurde, um eine betrügerische Behandlung zu verkaufen, die angeblich deinen Körper von Giften reinigt.» Mit anderen Worten: Wenn Detox etwas aus uns rausholt, dann unser Geld.

Denn wenn wir tatsächlich Gift im Körper ansammeln würden, wären wir wahrscheinlich schon tot oder würden einen ernsten medizinischen Eingriff benötigen, stellt der Medizin-Professor Edzard klar. Zum Glück verfüge unser gesunde Körper aber über zwei Nieren, eine Leber, die Haut und sogar Lungen, die unseren Körper rund um die Uhr entgiften. «Es gibt keinen bekannten Weg – gewiss nicht durch Detox-Kuren – etwas das perfekt in einem gesunden Körper funktioniert, besser zu machen.», sagt Edzard.

Und Edzard steht mit seiner Meinung unter Kollegen nicht alleine da. «Detox ist der reine Blödsinn», sagt auch Professor Simon Brooks, Leiter des Zentrums für Menschliche Phsysiologie der Flinders University in Australien. «Unsere Nieren, unsere Leber und unser Verdauungstrakt entfernen oder neutralisieren Gifte innerhalb weniger Stunden, nachdem diese in den Körper gelangt sind. Es ist Quatsch, zu glauben, man könne die Entgiftung mit irgendwelchen Wundermittelchen beschleunigen».

Was steht eigentlich auf dem Beipackzettel von Detox-Produkten?

Detox Hautpflege Set von Gegengift wirbt mit dem Detox-Superfood Moringa.

Die vegane Kosmetikmarke gegengift wirbt mit dem Slogan «detox your life». Im 5-teiligen Hautpflegeset enthalten sind 2 Reinigungsprodukte, eine Feuchtigkeitscreme, Detox-Kapseln und Detox-Tee für umgerechnet rund 195 Franken. Bild: PR

Clever, dass kein Detox-Produkt genau sagt von welchen Stoffen es unseren Körper genau entgiftet. Wenn das so wäre, könnte man den Erfolg und Misserfolg einfach messen. Das hat die gemeinnützige Stiftung Sense about Science mit einem Team von jungen Forschern auch getan. Die Forschergruppe untersuchte 15 Produkte, die mit einem Detox-Versprechen warben.

Die Ergebnisse:

  • Nicht einmal zwei Detox-Produkte aus 15 haben die gleiche Definition von Detox. Jeder Hersteller verkauft seine eigene Vorstellung von Detox.
  • Den Produkte konnte allenfalls eine kleine, in den meisten Fällen keinerlei versprochene Wirkung nachgewiesen werden.
  • In den meisten Fällen mussten die von den Forschern kontaktierten Hersteller zugeben, dass bekannte Begriffe wie «Reinigung» aus Marketinggründen schlicht in « Detox» umbenannt wurden. Wenn wir also ein Detox-Shampoo kaufen, bekommen wir in der Regel ein reinigendes Haarshampoo.

Insgesamt kamen die Forscher zum Ergebnis, dass «Detox ein Mythos ist». Besorgniserregend sei dabei besonders, dass sich viele der Versprechen nicht nur als falsch herausstellten, sondern einige Heilmittel möglicherweise sogar gefährlich sein könnten. Insbesondere vor entwässernden und organreinigenden Detox-Tabletten, Tropfen und Tinkturen warnen die Forscher.

Sind Detox-Diäten zum Abnehmen geeignet?

Grüne Smoothies sind gesund, aber detoxen sie auch?

Smoothie-Liebhaber brauchen sich nicht grämen. Viele Vitamine und Antioxidantien machen Smoothies weiter zu einem gesunden Lebensmittel, nur entgiften können sie nicht. Hier findet ihr tolle Rezepte für grüne Smoothies. Bild: iStock

Gewiss, wer sich eine Woche lang von Detox-Säften, Detox-Suppen und Detox-Tees ernährt, nimmt ab. Aber das habe aber nichts mit dem Entgiften in unseres Körper zu tun, sondern weil man sich bei einer Detox-Diät für 7 Tage und mehr runterhungert.

Ernährungswissenschaftler sind sich unisono einig, die beste Diät, die man jederzeit machen kann, ist und bleibt eine ausgewogene Ernährung mit viel frischem Gemüse und Früchten und ausreichend Bewegung. Detox-Diäten dagegen sind meist einseitig, entwässern hauptsächlich und führen wegen des zu erwartenden Jojo-Effekts nur für eine kurze Dauer zu einer Gewichtsreduktion.

Macht nichts, dann können wir ja wieder detoxen. Und wer grüne Detox-Smoothies nicht Detox-Smoothies kann auch 12 Gummibärchen, 6 Kracker und 4 Scheiben Schinken am Tag essen. Das wäre auch eine Crash-Diät. Aber dann würden wir uns ja wieder schuldig fühlen.

Gut so. Denn für die Industrie ist unser schlechtes Gewissen und unser Glaube an Heilmittel eine Goldgrube. Vielfältige Detox-Produkte sollen das Entgiften unterstützen und unser Portemonnaie entlasten. Neben Detox-Säften, Tees und Nahrungsergänzungsmitteln gibt es zum Beispiel auch Detox-Feuchtigkeitscremes, die versprechen angesammelte Giftstoffe über die Haut schneller abzubauen und Lieferdienste, die Detox-Drinks für das Heilfasten nach Hause oder ins Büro liefern. Bunte Smoothies und Säfte aus Federkohl, Aloe vera, Gurke, Weizengras, Spinat und Brokkoli machen die Detox-Diät fashionable, glaubt Professor Brooks. «Wir sind der Meinung, uns etwas besonders Gutes zu tun, wenn wir ein teures Produkt kaufen, das noch dazu grauenvoll schmeckt. (...) Eigentlich beruhigen wird dadurch jedoch nur unser Gewissen und nicht unseren Magen», meint Professor Brooks.

Oder wir könnten auf unseren Körper hören, der nach einer wilden Party- und Schlemmerzeit vor allem viel Wasser trinken, ausgewogen essen und viel schlafen will und das detoxen ganze alleine bewältigt. Und das Beste daran. Es ist ziemlich einfach und kostet fast nichts.

Titelbild: iStock

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