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DIE BABYPROBEWenn die beste Freundin schwanger wird

Erst kam die Kugel, dann der Floh. Als meine Freundin Lea schwanger wurde, war ich sicher: Sie wird Super-Mama! Ich hingegen strauchelte mit meiner neuen Besetzung. Doch wie man sich in die Mutterrolle erst einfinden muss, musste sich auch unsere Freundschaft neu einpendeln.

Wenn die beste Freundin schwanger wird

Ich stand auf der Leitung. Das ist nicht aussergewöhnlich, ich brauche bei kryptischen Nachrichten manchmal etwas länger. Als mir meine Freundin am Telefon ins Ohr flüstert, dass sie von ihrem Inselurlaub noch etwas anderes mitgebracht hat als knackige Bräune, denke ich an exotische Tiere. Während ich mir vorstellte, wie sie einen Gekko durch die Sicherheitskontrolle am Flughafen schmuggelte, herrscht auf der anderen Seite gespannte Stille. Erst langsam verstand ich. Sie war schwanger.

Wir sassen kichernd auf einer Parkbank, als wir das erste Mal über Kinder sprachen. Ich sah uns gemeinsam den Kinderwagen schieben, bei Ingwer-Zitronen-Limonade in Cafes sitzen und auf Dawanda Schnullerketten bestellen. Aber Lea war mir schon oft voraus: Sie hatte vor mir einen festen Freund, ein Nasen-Piercing ...

Und Lea war auch die erste Freundin, die ins Abenteuer Nachwuchs startete. Dementsprechend gross war die Aufregung. Ich lies mir Ultraschallbilder zeigen, fühlte Tritte und unterhielt mich mit ihr über Schwangerschaftsgelüste. Per Mail bekam ich Bilder von Bettchen und Babybauch. Am Tag der Geburt litt ich geistig mit. Als ich den kleinen Floh dann das erste Mal im Arm hielt, war ich voller Bewunderung (Das habt ihr gemacht?). Mir wurde klar: Meine Freundin ist jetzt Mama. Und dass 50 Zentimeter eine Freundschaft verändern, wusste ich auch. Theoretisch. Praktisch hatte ich gar keine Ahnung.

Bewusst wurde mir das allerdings erst richtig einige Monate nachdem der Floh das Licht der Welt erblickte. Mein Leben hatte sich radikal gewandelt und ich berichtete Lea am Telefon von dem Orkan, der durch mein Leben gebraust war. Als ich gerade zu «Weisst du, ich will jetzt einfach ungebunden sein...» ansetze, zögerte ich. Aus irgendeinem Grund fühlte es sich falsch an meiner Freundin von meiner neu gewonnenen Freiheit zu berichten. Schliesslich hatte sie mir gerade erzählt, dass sie sich nach ein paar Stunden Quality-Time sehnt. Als ich später auflege, fragte ich mich: Gibt es Themen, über die wir nicht mehr sprechen können?

Dass 50 Zentimeter eine Freundschaft verändern, wusste ich. Theoretisch. Praktisch hatte ich gar keine Ahnung.

Nicht, weil Lea mir nicht zuhören würde oder kein Interesse an meinem Leben hat. Natürlich hatte sie nun weniger Zeit für intensive Analysen männlicher Textnachrichten, aber Schande über mich, könnte ich das nicht nachvollziehen. Das Problem war vielmehr eine Unsicherheit, die ich plötzlich in mir aufsteigen fühlte.

Ich bekam nämlich ein schlechtes Gewissen, verglich ich die Dinge, die in meinem Leben von Bedeutung waren mit Leas. Kann ich mich bei meiner Freundin beschweren, dass der Schönling vom letzten Samstag seit drei Tagen nicht auf die Facebook-Nachricht antwortet, während sie mir mit müden Augen gegenübersitzt, weil der Floh nur wenig von Nachtruhe hält? Kann man erzählen, dass man gerade ein Wellness-Wochenende gebucht hat, obwohl man weiss, dass Sauna, Hamam & Co. für Neu-Mamas in naher Zukunft nicht am Plan stehen? Kann man Sätze fallen lassen wie «Es ist grossartig, dass ich keine Verpflichtungen habe», während sie sich für die nächsten 18 Jahre verpflichtet hat?

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Vermutlich kann man. Aber ich hatte anfangs trotzdem das Gefühl, dass es unangebracht ist. In etwa so, wie wenn man einer Freundin, die gerade verlassen wurde, den Verlobungsring unter die Nase hält. Oder vor jemandem, der auf Diät ist, einen Becher Ben & Jerry's löffelt und (mit Schokoladenstückchen zwischen den Zähnen) erklärt, dass man essen kann, was man will, man nimmt einfach kein Gramm zu. Ich wurde immer unsicherer, wann ich anrufen darf und was ich erzählen kann. Wie viel ihrer Zeit durfte ich noch in Anspruch nehmen? Eine solide Freundschaft war plötzlich Neuland.

Und das aus einem einfachen Grund. Die letzten zehn Jahre bewegten wir uns auf denselben Ebenen: Studium, Job, Liebe. Wir wussten, was die andere bewegt, weil es auch einen selbst bewegte. Herz gebrochen? Kenn ich. Aufgeregt vorm neuen Job? Kenn ich. Stundenlang in den Wehen liegen? Kenn ich nicht. Denn nun gab es noch eine andere Ebene: Kind. Und selbst wenn ich Geschichten über Hormonhaushalt und Schwangerschaftsstreifen lauschte und versuchte, mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, war es nicht dasselbe. Ich weiss nämlich nicht, wie es ist ein Kind zu haben. Und kann mir gut vorstellen, dass es Lea mit ihren Themen bei mir ähnlich ging.

Kann man Sätze fallen lassen wie «Es ist grossartig, dass ich keine Verpflichtungen habe», während sie sich für die nächsten 18 Jahre verpflichtet hat?

Dieses Nicht-Wissen ist vermutlich die Krux. Und der Punkt, an dem sich viele Freundschaften verlieren. Man fühlt sich unverstanden oder möchte den anderen nicht mit Dingen belasten, von denen man glaubt, sie interessieren ihn nicht. Irgendwann sagt man nicht mehr «Meine Freundin Lea», sondern «Meine Freundin Lea, die Mama ist». Ein Nachsatz, der verständlich machen soll, warum man sich nicht mehr so oft hört. Schamlos wird er als Rechtfertigung benutzt. Und impliziert, dass man die Freundin ans Mama-Dasein verloren hat. Das kann ordentlich nach hinten losgehen. Denn anders als eine Trennung oder Diät, ist ein Kind nichts, das junge Eltern als unglückliche Wendung oder Bürde betrachten. Lea ist – zu Recht – ziemlich stolz auf den Floh.

Das Schlüsselwort für solche Situationen wird in jedem Beziehungsratgeber rauf und runter gespielt: Verständnis. Freundschaften, die Jahrzehnte halten sollen, durchleben ziemlich sicher mehr als eine Lebensphase. Und müssen wohl akzeptieren, dass die Protagonisten zwischenzeitlich auf unterschiedlichen Ebenen agieren. Solange sich nicht etwas Wesentliches ändert: der Mensch an sich. Lea ist nämlich immer noch Lea. Ob mit Floh oder ohne. Ja, ein Baby verändert die Freundschaft. Im Grunde ist es aber nur die nächste Ebene, die manche eben vor anderen betreten.

P.S.: Ich rufe jetzt meine Freundin Lea an. Der Schönling hat geantwortet.

Text: Teresa Thomas, Foto: Unsplash

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