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Drinks statt DinnerModemagazin feiert Dinner-Cancelling mit Alkohol

Ab 17h nur noch Wasser. Dinner-Cancelling lockt mit rasantem Gewichtsverlust. Die Instyle findet aber, Abnehmen muss Spass machen und ersetzt Wasser durch Alkohol. Der macht schliesslich auch satt. Der nach eigenen Aussagen «aussergewöhnliche» Diät-Tipp: Sauf dich schlank!

Instyle propagiert Dinner-Cancelling mit Alkohol

«Hilfe, ich sehe aus wie eine Leberwurst» krakeelt Autorin Gloria von Bronewski auf Seite 263 der Märzausgabe der Instyle. Bereits da vermute ich ein überzogenes Luxus-Problem hinter dem Artikel «Drinkdiät?» (immerhin arbeitet diese Frau bei der Instyle und da passt man mit Grösse 38 nicht mehr durch die Redaktionstür), wappne mich aber guter Dinge mit Ironie und lese amüsiert weiter.

Dick fühlt sie sich also, die Gloria. Aber wozu hat man Freunde, die einem in einer Lebenskrise dieses Ausmasses mit Rat und Tat zur Seite stehen: Dinner-Cancelling lautet die rettende Idee, denn damit soll man «in zwei Wochen bis zu sechs Kilo abnehmen» können. Soll heissen, ab 17h wird nichts mehr gegessen. Austricksen darf man den knurrenden Magen mit Kräutertees und – klar – Wasser. Da eine Society-Lady aber nun mal nicht all ihre Dinner-Einladungen einfach so canceln kann («Allein am Wochenende bin ich zwei Mal eingeladen. Da kann ich nicht mit Kamillentee antanzen.»), muss man die Regelung etwas lockern, denn ein bisschen Spass muss sein: «Ich will NUR drei Kilo abnehmen und deshalb kann ich abends ab und zu Alkohol trinken.» Irgendwie sympathisch denkt man sich da noch. Ich schmunzle und lese schuldbewusst und in Erwartung einer moralischen und gesundheitsbewussten Schelte weiter.

Aber falsch gedacht, denn die Autorin erklärt uns stattdessen ganz genau, wie man möglichst kalorienarm und Hunger stillend säuft. «Ein Glas Weisswein hat nur 90 Kalorien – und der Hunger ist vergessen». Ein Glas Apfelsaftschorle ebenso, aber wer will schon Apfelsaft, wenn man Wein haben kann? Und wem Weisswein noch zu lame ist, dem empfiehlt die Autorin Gin Tonic, die kalorienärmste Variante unter dem harten Zeug.

Der Traum eines jeden übergewichtigen Alkoholikers wird wahr und begeistert jubelt auch Frau von Bronewski: «Die ersten Abende sitze ich gemütlich mit Freunden zusammen und habe nach einem Glas Weisswein und einem Gin Tonic den Hunger direkt vergessen.» Und damit scheinbar auch ihr moralisches Pflichtbewusstsein als Journalistin eines Frauenmagazins.

Doch damit nicht genug, uns wird zu allem (Promille-) Überfluss noch ein wissenschaftlich fundierter Rat für die Zukunft mit auf den Weg gegeben. Eine Studie des Brigham Hospitals in Boston nämlich macht feierwütigen It-Girls Mut und sichert ihnen ihre Existenzberechtigung: «Frauen, die täglich z.B. ein bis zwei Gläser Wein trinken, haben weniger Appetit und nehmen über Jahre hinweg weniger zu.» Wow, wer hat gesagt, Alkohol sei schädlich...? Hier wird ein Loblied auf den Alkohol gesungen, anstatt davor zu warnen. Dabei ist wissenschaftlich nicht einmal bewiesen, dass Dinner-Cancelling an sich überhaupt eine erfolgreiche Abnehm-Methode ist. Mein Lächeln weicht einer verwirrten Skepsis.

Dann kommt es auf einer Geburtstagsparty zum grossen Showdown von Bronewkis Selbstversuchs. Denn da wird ordentlich Sekt auf den nüchternen Magen geschüttet, bis nicht nur der, sondern auch das Gedächtnis rebelliert: «Blackout! Kurzzeitig zweifle ich an der Alkoholdiät!» Aha! Spätestens jetzt kriegt sie die Kurve und warnt vor den Folgen übermässigen Alkoholkonsums und Crash-Diäten...? Wieder falsch, denn Gloria von Bronewski findet das Special-Dinner Cancelling trotz Kater ohne Erinnerung an die Nacht davor nach wie vor super! Warum? Weil  sie zwar von einem Unbekannten erfährt, von der Bühne gesprungen zu sein (Oops...), ihr das Geburtstagskind aber eine ermunternde SMS schreibt und ihr darin zusichert «herrlich», der Star des Abends, gewesen zu sein. Na dann, absolut nichts falsch gemacht! Naiv freut man sich da in diesem seriösen Magazin über im feuchtfröhlichen Eifer des Gefechts geschmolzene Kilos und gandenlose Hemmungslosigkeit: «Und was ich nach den zehn Tagen losgeworden bin? Neben den angestrebten drei Kilo auch eine ganze Menge Schamgefühl.» Jackpot!

Verherrlichung skurriler Abnehmmethoden

Vor allem die jüngere Zielgruppe der Instyle dürfte begeistert sein. Das Magazin, vollgestopft mit schönen, dünnen Menschen in schönen Kleidern in einem schönen Leben, erklärt wie es geht. Laut von Bronewski wird man beim Feiern schlank. Völlig enthemmt tanzt man sich da zum schönen Schwan und nimmt auch peinliche Auftritte gerne in Kauf. Äusserst verführerisch, so kann anscheinend jeder It-Girl sein.

Ein 18-jähriges Mädchen, dessen Selbstfindungsprozess noch in vollem Gange ist, dürfte durch den Artikel, der sich im Übrigen vom Layout her nicht von ernst gemeinten Diät-Ratschlägen unterscheidet, den Schlüssel zum Paradies in ihrer kleinen, hoffentlich knochigen Hand wähnen. Ein wortwörtlich heisser Tipp, Fettverbrennen durch Vorglühen! Denn es gleicht einem Spiel mit dem Feuer, auf die Gefahren von Trinken auf leeren Magen nicht explizit hinzuweisen.Und was sagt die Instyle zu den Vorwürfen? Gloria von Bronewski zeigt sich einsichtig: «Ich verstehe ihre Bedenken und sehe natürlich auch die kritischen Punkte an dieser etwas "außergewöhnlichen" Diät-Form. Bei dem Artikel geht es allerdings viel mehr um einen Selbsttest, als um die wirkliche "Abnehm-Empfehlung". Deswegen habe ich versucht mit meinen abschreckenden Erlebnissen deutlich zu machen, dass auf nüchternen Magen trinken absolut nicht empfehlenswert ist.»

Das wäre schön gewesen. Doch leider findet sich im gesamten Text weder eine einzige Passage, die von abschreckenden Erlebnissen berichtet, noch wird irgendwo deutlich, dass Trinken auf nüchternen Magen nicht empfehlenswert sei. Im Gegenteil. «Ich bin von dem etwas skurrilen Konzept begeistert.» frohlockt die Autorin. Schüchternen Mädchen, denen es an Selbstwertgefühl mangelt, bekommen eine Methode an die Hand wie sie beides sein können, schlank wie ein Topmodel und amüsant wie der beste Kumpel. Dabei wissen wir doch alle, was passiert, wenn man allzu viel trinkt ohne etwas gegessen zu haben. Es geht nämlich schief - und ist höchst ungesund.

Ist der modebewusste Mensch von Schönheitsidealen schon so besessen, dass er zur Flasche greifen muss, um einem gewissen Lifestyle gerecht zu werden? Natürlich, wer wird schon gerne belehrt, Moralapostel sind Spassverderber, aber ein Magazin, das nicht nur von Jugendlichen teilweise wie eine Stilbibel behandelt wird, hat seinen Lesern gegenüber eine gewisse Verantwortung. Diese haben die Instyle und Frau von Bronewski leider sträflich vernachlässigt,

Text: Linda Leitner, 06.03.2013

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