Pixel

not my jobWas Männer tun, wenn sie nichts tun

Catcalling, Verfolgungen, betrunkene Männer, die einen anquatschen – solche Situationen gehören zum Alltag von Frauen. Redaktorin Jenny findet, dass ein Umdenken nötig ist: Nicht Frauen müssen sich verteidigen können, sondern Männer sollten Frauen ein sicheres Gefühl auf dem Nachhauseweg geben.

Der Mord an Sarah Everard löste Proteste aus.

Hintergrund: Mord an Sarah Everard

  • Der Mord an einer Britin löst eine Welle an Protesten aus
  • Frauen teilen ihre Erfahrungen und die Angst vor Männern auf dem Nachhauseweg oder in anderen Situationen
  • Dadurch wurde auch eine Gegenbewegung von Männern initiiert. Kern der Argumentation: Nicht alle Männer möchten Frauen etwas antun
  • Eine Studie des Forschungsinstitut gfs.bern zeigt, dass mindestens jede fünfte Frau ab 16 in der Schweiz einen sexuellen Übergriff erlebt

N

 eulich war ich für einen entspannten Abend bei meiner Kollegin. «Schreib mir, wenn du zu Hause bist!», sagte sie liebevoll, als ich mich auf den Heimweg machte. 

Eigentlich habe ich auf dem Weg nach Hause selten Angst, schliesslich kenne ich mich hier aus. Es handelte sich um einen Fussweg von zehn Minuten. Dass ich durch eine dunkle Gasse am Bahnhof entlanglaufen musste, war mir zu diesem Zeitpunkt gleichgültig.

Bis ich merkte, dass mir jemand folgte. Ich drehte mich um und sah einen jungen, grossen Mann, der eine Mund-Nasen-Schutz trug – immerhin, denn den Sicherheitsabstand von 1,5 Metern hielt er nicht ein. 

In diesen wenigen Minuten spielten sich in meinem Kopf alle möglichen Horrorszenarien ab

Er schaute mir direkt in die Augen und lief so dicht hinter mir, dass es einfach wäre, mich zu packen. In meinem Kopf spielten sich in den wenigen Minuten alle möglichen Szenarien ab. Ich wollte etwas sagen, stehen bleiben, wegrennen – irgendetwas tun, um der Situation zu entfliehen, er starrte mich weiterhin an.

Vielleicht muss er ja gleich abbiegen, dachte ich. Doch er lief einfach weiter hinter mir her, wechselte nicht die Strassenseite und sagte nichts, um die Situation zu entspannen.

Das hatte er nicht nötig, ihm war die Situation offensichtlich nicht unangenehm. Er wusste nicht, was ich gerade dachte. Nervös kramte ich mein Handy aus der Tasche und wurde langsamer, aber er machte es mir gleich. Bis ich einen Schritt zur Seite machte und anhielt. Dann endlich lief er genervt an mir vorbei, ohne sich umzudrehen.

Ich stand noch ein paar Sekunden perplex da und sah ihm hinterher, bis mich die Wut packte. Darüber, dass er als Mann unreflektiert und ohne Angst von A nach B kann. Darüber, dass ich mich in der Situation hilflos fühlte und mir alle Horrorszenarien vorstellen muss. Erst dann schrieb ich meiner Kollegin und schilderte ihr die Situation. Wir telefonierten, bis ich zu Hause war.

Wir haben ein Männerproblem

Ist doch nichts passiert, könnte man jetzt sagen. Aber in wie vielen Fällen werden Frauen oder geschlechtliche Minderheiten Opfer von Gewalt? Fälle wie Sarah Everard, die ermordete Britin, stossen die Diskussion an und machen deutlich, dass die patriarchale Gewalt als Normzustand zu lange und zu leichtfertig hingenommen wurde.

In meiner Jugend war es für mich eine Tatsache, Angst auf dem Heimweg zu haben. Heute kann ich es nicht mehr hinnehmen, als selbstbewusste Person unnötigerweise so hilflos zu sein – es ist einfach nicht fair.

Es sollte nicht die Aufgabe der Frauen sein, sich sicherer zu fühlen, Freund*innen anzurufen, den Schlüssel in der Faust zu umklammern, Pfefferspray in der Tasche zu haben oder den Umweg über die hell beleuchtete Strasse zu nehmen. Dies sollten nicht länger die Umstände für ein Problem der Frauen sein. Das Problem sollte zu dem der Männer gemacht werden. Und es liegt an ihnen, das eigene Verhalten zu überdenken.

Die Gegenbewegung Not All Men

Die Gegenbewegung von Me-Too und den Protesten wegen des Mordes an Sarah Everard «NotAllMen», die sich über diese Generalisierung von Männern aufregt, ist Teil des Problems. Anstatt Frauen und geschlechtlichen Minderheiten zuzuhören, wird die eigene Opferrolle betont ­– dieses Prinzip nennt man Gaslighting. Die Erfahrungen der Opfer, in diesem Fall der Frauen und geschlechtlicher Minderheiten, werden heruntergespielt und die Leidenden damit verunsichert. Doch zu sagen, nicht alle Männer wollen mir etwas tun, gibt mir ehrlich gesagt nicht das Gefühl von Sicherheit.

Ich weiss, dass nicht alle Männer Böses im Sinn haben. Mein «Verfolger» zum Beispiel wollte mich nur überholen und schnell zum Bahnhof. Und es sind Männer wie er, die sich darüber klar werden müssen, was sie der Frau vor sich gerade antun, indem sie nichts tun.

Was Männer tun können, damit Frauen sich sicherer fühlen:

  • Männer können telefonieren, nach den Schlüsseln kramen oder Ähnliches, um der Person vor sich zu verdeutlichen, dass man sich nicht anschleicht
  • Männer können Freundinnen und Kolleginnen zuhören, wenn sie über das Problem reden, statt «Nette Männer» zu verteidigen
  • Männer können mit männlichen Kollegen über das Problem reden und darauf aufmerksam machen
  • Männer können die Strassenseite wechseln und der Frau ihren Personal Space lassen, damit sie nicht das Gefühl haben muss, bedrängt zu werden
  • Männer sollten es nicht persönlich nehmen, wenn eine Frau ängstlich wird oder die Schlüssel in der Faust umklammert.  Frauen können in dieser Situation nicht sehen oder erahnen, welche Männer sie womöglich überfallen könnten und welche einfach nur denselben Weg laufen

Titelbild: Unsplash

Mehr dazu