Pixel

WAS IST DEINE SCHWÄCHE?So meisterst du den Drahtseilakt Job-Interview

Im Bewerbungsgespräch werden häufig dieselben Fragen gestellt. Leichter werden die Antworten darauf trotzdem nicht. Die Schweizer HR-Expertin Crista Henggeler verrät, wie du Frage-Fallen überspringen kannst und wie du dich optimal auf das Vorstellungsgespräch vorbereitest.

Gut vorbereitet ins Vorstellungsgespräch

Dein Lebenslauf passt auf die Stelle. Das Bewerbungsschreiben hat überzeugt. Die Einladung zum Vorstellungsgespräch flattert ins Haus. Offensichtlich hast du viel zu bieten. Gratulation! Von jetzt an ist es ohnehin ein Glücksspiel. Entweder der Personaler findet deine Persönlichkeit interessant oder nicht. Nicht ganz.

Tatsächlich geht es Personalern nicht nur darum, einen qualifizierten Bewerber zu finden, sondern auch jemanden, der zum Unternehmen und ins Team passt. Dass du dich deshalb auf deinem Ego ausruhen kannst, ist dennoch nicht angezeigt. Denn auf die Fragen im Vorstellungsgespräch gibt es schlechte, gute und bestmögliche Antworten.

Und so uncool es klingt – Streber meistern diese Herausforderung oft überzeugender. Denn wer bereits vorher weiss, worauf es ankommt und was er sagen möchte, kann in der Stresssituation des Bewerbungsgesprächs leichter einen kühlen Kopf bewahren.

12 Fragen an HR-Expertin Crista Henggeler

Über meinen Gesprächspartner im Bewerbungsgespräch weiss ich meist noch nichts, trotzdem kenne ich die Fragen oft schon. Besonders eine Standardfrage bringt uns regelmässig ins Schwitzen, nämlich jene nach unseren persönlichen Stärken und Schwächen. Aber wie ehrlich darf man im Vorstellungsgespräch überhaupt sein?

Zerfleisch dich nicht vor den Personalern! Ich empfehle immer mehr Stärken als Schwächen und wenn möglich nur eine harmlose Schwäche zu nennen.

Suche dir bewusst solche persönlichen Fehler aus, die sich auch ins Positive wenden lassen.

Zum Beispiel?

Ich würde meine Ungeduld als Schwäche anführen. Das lässt sich auch so verstehen, dass man die Dinge immer sofort anpackt.

Kein gutes Beispiel sind Schwächen, die sich direkt in Beziehung zum Job setzen lassen. Wenn du zum Beispiel schlecht mit Zahlen umgehen kannst und du dich als Analyst beworben hast, schaufelst du dir mit zu viel Ehrlichkeit dein eigenes Grab.

Es ist wichtig, dass du ehrlich bist, aber in einem Mass, das schlau ist

Aber ist es nicht zu offensichtlich, wenn sich jeder zweite Bewerber als Perfektionist outet?

Selbstverständlich ist es wichtig, dass du ehrlich bist, aber in einem Mass, das schlau ist!

Wenn das Durcheinander auf deinem Schreibtisch zu deinen Schwächen gehört, erzählst du lieber nicht, dass du wegen deiner Unordnung einmal ein wichtiges Dokument verschlampt hast, sondern vielleicht dass es dir hilft kreativ zu sein.

Bleib echt

Oder dass es wie Chaos aussieht, Sie am Ende aber immer durchsteigen. In bestimmten Branchen ist das sicherlich mehr Vor- als Nachteil.

Allerdings solltest du beim Vorstellungsgespräch bei einer Werbeagentur nicht mit deinem kreativen Chaos angeben, wenn das offensichtlich aufgesetzt ist. Bleib echt!

Wie peinlich! Ich sitze im Gruppeninterview, alle Bewerber sollen ein Fallbeispiel lösen und ich bin offenbar die einzige, die die Aufgabe nicht richtig verstanden hat. Soll ich mich trotzdem als die mit der langen Leitung outen?

Ja! Frag nach. Es nützt dir nichts, wenn du vorgibst etwas verstanden zu haben, wenn es nicht so ist. In Vorstellungsgesprächen möchte man anhand von Fallbeispielen testen, wie du denkst und wie du an Problemstellungen herangehst.

Wenn die Frage unklar ist, musst du deshalb sofort nachhaken. Meistens geht es auch nicht darum, dass du alle Fragen richtig beantwortest, sondern, dass du Herangehensweisen und Lösungswege aufzeigst.

In jedem Job-Ratgeber dieselbe Botschaft: Zeig Selbstbewusstsein und Charisma! Das zählt allerdings zu den Dingen, die nicht jedem allzu leicht fallen. Wie sollte ich mich auf ein Vorstellungsgespräch vorbereiten, wenn ich eher introvertiert bin?

Mach dich mental fit. Was meistens gut klappt, ist wenn du vor dem Vorstellungsgespräch deinem Spiegelbild lange ins Gesicht lachst. Oder vergegenwärtigen dir ein Erlebnis, bei dem du besonders glücklich warst. Allein der Gedanke daran, schüttet Glückshormone aus und verleiht dir eine positive Energie, die du mit ins Gespräch nehmen kannst.

Übrigens, auch die Körperhaltung hat Einfluss auf unsere Hormonausschüttung. Wenn du zum Beispiel für zwei Minuten in eine Starthaltung gehst, so als wolltest du gleich ein losrennen, machst du dich gedanklich und hormonell bereit für die Herausforderung und bekommst so einen Kick Motivation.

Bewerbungen schickt man nur noch online, viele frühere Standardinfos wie der Beruf der Eltern im Lebenslauf sind längst überflüssig. Da ist es schwer einzuschätzen, was vielleicht schon zu konservativ wirkt. Welche Basics sind bei der Vorbereitung auf  das Vorstellungsgespräch nach wie vor unerlässlich?

Mach deine Hausaufgaben und versuche einen makellosen Auftritt zu machen. Dazu gehört es alle wichtigen Informationen über das Unternehmen und die Kontaktperson zu sammeln.

Lege dir vorher zurecht, was du sagen und auch was du fragen möchtest. Und achte auf einen gepflegten und professionellen Eindruck.

Bleib dir selbst treu

Dresscodes – gibt es das noch?

Das hängt von der Branche ab. In der Industrie wirkt man mit Anzug und Krawatte schnell overdressed. Am besten man kleidet sich immer etwas schicker als man dort zur Arbeit gehen würde. Und ich finde, besser ein Ticken zu konservativ als zu leger.

Jetzt bin ich aber eher eine schrille Persönlichkeit. Gerade mein individueller Stil zeichnet mich vielleicht aus. Soll ich mich für ein Vorstellungsgespräch trotzdem klassisch kleiden, weil es besser ins Milieu passt?

Bleib dir selbst treu! Das gilt für das ganze Leben wie für das Vorstellungsgespräch. Denn wenn du dich für einen Job vollkommen verstellen musst, ist das eigentlich kein gangbarer Weg.

Selbstverständlich solltest du gezielt nach Übereinstimmungen zwischen dir und dem Unternehmen suchen und auch in deinem Lebenslauf Anpassungen vornehmen, die dich für den Traumjob eher empfehlen. Die Frage dabei ist aber immer, wo gehst du vielleicht zu grosse Kompromisse ein?

Tatsächlich finden viele Bewerbungsgespräche aus dem Job heraus statt. Wenn man sich aktiv um einen Jobwechsel bemüht, ist die Vorgeschichte nicht immer versöhnlich. Wie offen sollte man damit umgehen?

Das kommt darauf an, durch was deine Bewerbung motiviert ist. Bist du zum Beispiel seit drei Jahren bei einer Firma und es gibt einfach keine Entwicklungsperspektive, ist das etwas, dass du durchaus anführen kannst.

Wenn du beim Gespräch dagegen erzählst, dass dein jetziger Vorgesetzte seinen Job nicht versteht, ihr immer gestritten habt oder man dich gemobbt hat, dann ist das eher schwierig, aus verschiedenen Gründen.

Zum einen könnte man sich auch fragen, ob es nicht an dir liegt, zum anderen spricht sich so etwas einfach schnell herum und fliegt dir vielleicht irgendwann um die Ohren.

Die Schweiz ist klein, Zürich ein Dorf! Deshalb würde ich meine Motivation nie nur persönlich erklären, es gibt immer genügend sachliche Aufhänger.

Grundsätzlich ist das Vorstellungsgespräch eine Stresssituation

Man kennt die Geschichten von unverschämten Chefs und arroganten Personalern, die einen klein machen und dabei die Möglichkeit ausschliessen, dass man selbst gar nicht mehr dort arbeiten möchte. Wie wichtig ist es eigentlich, dass man sich während des Vorstellungsgesprächs wohlfühlt?

Grundsätzlich ist das Bewerbungsgespräch eine Stresssituation, schliesslich weiss man, dass man von fremden Menschen beurteilt wird. Das heisst der Wohlfühlfaktor ist natürlich begrenzt.

Was ich jedoch auch schon beim Vorstellungsgespräch beurteilen kann, ist, ob ich mich im Team, mit dem Gesprächspartner, der Firma und der Umgebung grundsätzlich gut aufgehoben fühle.

Nimm diese Eindrücke mit und beziehe diese bei deiner Entscheidung mit ein.

Ich komme raus aus dem Gespräch und weiss, der Job ist all das worauf ich immer hingearbeitet habe. Dass ich mit dem Chef nicht kann, weiss ich aber jetzt schon. Soll ich den Job ausschlagen?

Bei solch einer Entscheidung spielen immer verschiedene Faktoren hinein, das muss man von Fall zu Fall entscheiden.

Ich persönlich glaube aber, ein Job kann noch so cool sein, wenn du sich im Team nicht wohlfühlst oder dich schlecht mit den Vorgesetzen verstehst, dann leidest du mehr unter dem Job als du profitierst.

Dass alles stimmt, gibt es nicht

Und umgekehrt. Das Team ist super. Die Firma wirkt wie eine kleine Familie. Dafür stimmen Gehalt oder Arbeitszeiten überhaupt nicht...

Man sollte sich keine Illusionen machen. Dass alles stimmt, gibt es nicht. Da würde ich die berühmte 80:20-Regel heran ziehen und vom Kopf auf die Füsse stellen. Solange der Job für dich zu 80 Prozent stimmt, ist es in Ordnung.

Wenn das Verhältnis weiter ins Negative ausschlägt, sollte man sich das nochmal genauer anschauen. Eine pauschale Empfehlung dafür gibt es aber natürlich nicht. Ich denke, da muss man auf seine Intuition vertrauen.

Crista Henggeler, Professional Coaching

Über Crista Henggeler

Die auf Personalentwicklung und Rekrutierungsfragen spezialisierte Arbeits- und Organisationspsychologin Crista Henggeler kennt die Tücken bei der Jobsuche. Als Professional Coach in Zürich berät sie Unternehmen und Privatpersonen.

Auf Femelle steht sie Rede und Antwort rund um die berufliche Karriere. www.henggelercoaching.ch

Mehr dazu