Serielle Monogamie«Für immer heisst solange es noch stimmt»

INTERVIEW In der Schweiz wird fast jede zweite Ehe geschieden. Eine Zahl, die offenbar nur wenige abschreckt. Denn nach wie vor wagen viele Paare den Gang zum Traualtar. Der Paartherapeut Henri Guttmann erklärt, was es braucht, damit eine Ehe funktioniert und warum sich viele Paare zu früh trennen.

Warum soll man heute überhaupt noch heiraten?

Die grosse Liebe und der Traum von einem gemeinsamen Leben haben 2012 rund 42.700 Paare vor den Schweizer Traualtar geführt. Sie haben sich versprochen «für immer» zusammenzubleiben. Laut Statistik wird die Hälfte von ihnen das nicht gelingen – die Schweizer Scheidungsrate liegt aktuell bei über 50 Prozent. Warum sich trotzdem so viele Paare für die Ehe entscheiden und was es braucht, um «gute wie schlechte Zeiten» miteinander zu überdauern, erklärt der Paartherapeut Henri Guttmann im Interview mit Femelle.

Herr Guttmann, warum sollte man heiraten?

Aus rechtlicher Sicht gibt es nur noch wenige Argumente. Nicht verheiratete Paare sind rechtlich fast gleichgestellt und auch gemeinsame Kinder geschützt. Das Ritual der Heirat ist eigentlich nur noch etwas für Romantiker. Im Grunde geht es darum sich in aller Öffentlichkeit zu der Beziehung zu bekennen und zu sagen: Jetzt gehören wir zusammen!

Kann man sich denn versprechen «für immer» zusammenzubleiben?

«Für immer» heisst heute «Solange es für mich und dich noch einigermassen stimmt». Wenn Krisen kommen, wird es heikel.

Wie verändert die Ehe eine Partnerschaft?

Mehr als man denkt. Diese gesetzliche Verbindlichkeit zwingt Paare, nicht einfach davon zu laufen. Und das ist ein Vorteil. Denn viele spazieren zu schnell davon, wenn es mal blitzt und donnert.

Spazieren Sie auch zu schnell in die Ehe?

Das glaube ich nicht. Früher haben die Leute zwischen 21 und 25 Jahren geheiratet, heute heiraten sie eben zwischen 27 und 33 Jahren.

Wann ist eine Ehe glücklich?

Wenn beide das Gefühl haben, dass sie mit diesem Menschen meistens gerne zusammen sind, aber auch Freiräume leben und sich seelisch weiterentwickeln können. Das finde ich eine wichtige Voraussetzung.

Und dass man sich liebt?

Vielleicht bin ich als Paartherapeut ein bisschen abgebrüht, dass ich das Wort «lieben» nicht erwähne. Aber ich finde, wenn ich sage, ich bin meistens gerne mit diesem Menschen zusammen, hat das auch mit Liebe zu tun.

Hier würden Ihnen vermutlich viele Paare widersprechen.

Ich glaube, die Leute gehen mit sehr idealen Vorstellungen in eine Ehe und werden dann vom Alltag eingeholt. Aber auch der Alltag braucht Liebe und Toleranz.

Welche drei Dinge braucht es damit eine Ehe funktioniert?

Toleranz, den Willen zur Kommunikation und Humor. Bei Toleranz geht es darum, dass man in einer Ehe an verschiedene Wertsysteme stösst. Sie bringen ein Wertsystem mit und Ihr Partner auch. Und bei Wertkonflikten macht man nicht so gerne Kompromisse. Dann der Wille zur Kommunikation, das ist eines der häufigsten Themen in der Paartherapie, dass Paare nicht mehr miteinander reden. Und Humor finde ich auch wichtig, weil das Leben damit ein wenig leichter wird.

Die Schweizer Scheidungsrate liegt bei über 50 Prozent. Wie erklären Sie sich das?

Aus paartherapeutischer Sicht trennen sich viele Paare zu früh. In der Krise können sie das Veränderungspotenzial nämlich nicht beurteilen. Stellen Sie sich vor, Sie haben ein Auto und das springt nicht an. Haben Sie jetzt einen Totalschaden oder bedarf es nur einer kleinen Reparatur? Sie gehen zum Fachmann und der sagt: Keine Sorge, das ist nur die Wasserpumpe. Menschen wollen rasche Entscheidungen. Dabei könnte den meisten Paaren in drei bis fünf Gesprächen geholfen werden.

Was hält zwei Menschen denn zusammen?

Paare sollten regelmässige «Paar-Inseln» pflegen, das heisst täglich miteinander sprechen und dem anderen zuhören. Zusätzlich braucht ein Paar einmal in der Woche einen Abend für sich, vor allem wenn Kinder da sind.

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Vernachlässigen Ehepartner diese gemeinsame Auszeit?

Ich bringe da immer ein Bild: das Mississippi-Prinzip. Stellen Sie sich vor, Sie wollen mit einem Boot von einem Ufer zum anderen rudern. Am Anfang der Ehe rudern beide fleissig. In der Mitte vom Fluss schauen Sie nach hinten und sehen, dass Ihr Partner nicht mehr rudert. Sie denken sich, wenn der nicht rudert, dann rudere ich auch nicht mehr. Aber wenn Sie sich auf einem Fluss befinden und aufhören zu rudern, dann landen Sie im Wasserfall. Ehe ist ein dauerndes Investment.

Ehe ist also Arbeit?

Nein, das finde ich nicht. Aber eine Paarbeziehung ist wie ein kleines Feuer, wo immer beide Hölzchen hinlegen müssen. Denn wenn man längere Zeit kein Hölzchen hinlegt, wird es bei dem Paarfeuer kühl. Wenn dann ein heisses Öfchen vorbeiläuft, ist es beim heissen Öfchen wärmer. Und das wäre dann ungünstig.

Die Beziehung zerbricht wenn man sie nicht mehr pflegt?

Ja, aber Frauen gehen aus anderen Gründen fremd als Männer. Frauen gehen fremd, wenn sie sich einsam fühlen in der Partnerschaft, wenn es an dem Paarfeuerchen nicht mehr warm ist. Und Männer gehen fremd, wenn Sie nicht mehr konstant bewundert werden. Aber es ist schwierig, jemanden 20 Jahre zu bewundern, wenn er nicht Picasso ist.

Angesichts der Scheidungsrate: Ist die Ehe ein Auslaufmodell?

Ich glaube nicht, denn Umfragen beweisen, dass die meisten Menschen eine grosse Sehnsucht danach haben, mit einem einzigen Partner zusammen zu sein, für den man die wichtigste Person im Leben ist. Deshalb wird es auch zukünftig viele Paare geben, die heiraten möchten.

Sind Sie denn für die Ehe?

Ja, absolut.

Zur Person: Henri Guttmann

Interview: Warum heiraten?Der erfahrene Psychotherapeut betreut in seiner Praxis in Winterthur Paare, die kurz vor einer Trennung stehen. Er glaubt, dass Paartherapie helfen kann Konflikte zu lösen und einen gemeinsamen Weg zu gehen. henri-guttmann.ch.

Foto: iStock

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