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After-Baby-BodyFrauenkörper nach der Geburt

Eine Schwangerschaft verändert nicht nur das Leben einer Frau, sondern auch ihren Körper. Wie sehr Frauen unter den Veränderungen leiden, zeigt ein amerikanischer Blog. Und bricht gleichzeitig ein Tabu, indem er zeigt, über was man eigentlich nicht spricht.

Körper nach der Geburt: Shape of a Mother zeigt Frauenkörper nach der Schwangerschaft

Irgendwie kriegt man Angst schwanger zu werden», schreibt callmeasuperwoman. Und was eine Super Woman aus der Ruhe bringt, muss wahrlich furchteinflössend sein. Was könnte eine junge Frau davon abhalten Kinder zu bekommen?

Super Woman stolperte über Shape of a Mother und sah Bilder von Körpern nach der Geburt. Frauen zeigen ihren After-Baby-Body auf der amerikanischen Seite so, wie er ist. Kein Photoshop, keine vorteilhaften Posen oder Kleider. Sie zeigen sich nackt. Und dokumentieren wie neun Monate Schwangerschaft ihren Körper verändert haben. Super Woman sah schlaffes Gewebe, runde Bäuche, hängende Brüste und unzählige Risse in der Haut.

«Es ist ein schwieriges Thema», gesteht Bonnie Crowder, die Gründerin von Shape of a Mother, gegenüber der Zeitschrift Brigitte. Schwierig, weil die wenigsten Frauen offen darüber sprechen. Sie schämen sich, haben Angst davor sich zu outen und möchten die Spuren ihrer Schwangerschaft lieber verbergen. «Mir ist aufgefallen, dass der After-Baby-Body eines der grössten Geheimnisse unserer Gesellschaft ist. Wir sehen die perfekten und retuschierten Körper von prominenten Müttern und verstecken uns», schreibt Bonnie Crowder auf Shape of a Mother.

Dass Frauen den Eindruck haben, ein Körper muss nach der Geburt genauso aussehen wie davor, ist ein Phänomen, das Frauen geschuldet ist, die diese Übung scheinbar mit Leichtigkeit absolvieren. Heidi Klum lief sieben Wochen nach der Geburt von Sohn Henry in einem silbernen Glitzer-Bikini über den Laufsteg von Victoria's Secret. Von einer Schwangerschaft keine Spur, schlaffe Haut suchte man auf dem gestählten und gebräunten Bauch vergebens. Gisele Bündchen zierte acht Wochen nach der Geburt von Tochter Vivian das Titelbild der brasilianischen VOGUE. Eingeölt und in schwarzer Leder-Weste, zeigt sie einen Körper, der nach hartem Training, nicht aber nach Schwangerschaft aussieht.

Wenn der After-Baby-Body der Job ist

Was viele Frauen nicht bedenken: Heidi Klum & Co. machen ihren Job, ihr Körper ist ihr Kapital. Und in diesen investieren sie mit Personal Trainers, Ernährungsberatern und natürlich auch Nannys, die sich während dem mehrstündigen Sportprogramm um den Nachwuchs kümmern. Solche Fotos sind Abbildungen, die die Realität verzerren. Die Psychoanalytikerin Susi Orbach meinte in einem Interview mit dem deutschen Magazin NIDO gar, solche «Bilder sind grausam, [...] weil sie die Botschaft aussenden: Es ist keine grosse Sache, ein Kind auf die Welt zu bringen!»

Dass Mütter heute nicht mehr aussehen dürfen wie Mütter, nennt Susi Orbach die «verleugnete Mutterschaft». Brüste dürfen nicht den Eindruck erwecken, sie hätten ein Kind gestillt, Bäuche nicht, als wäre in ihnen Leben gewachsen. Der After-Baby-Body ist in aller Munde. Schauspielerinnen und Models präsentieren ihre makellose Figur im knappen Bikini auf den Titelseiten diverser Frauenmagazine und offenbaren im Innenteil ihre After-Baby-Diät. So auch Jessica Alba, die dem amerikanischen Online-Magazin Net-A-Porter das Geheimnis ihres flachen Bauchs und einer Figur, die so gar nicht nach zwei Schwangerschaften aussieht, verriet. «Es war brutal und ist sicher nichts für jeden. Ich trug drei Monate lang, Tag und Nacht, ein doppeltes Korsett. Es war anstrengend, aber es hat sich gelohnt». Kurz darauf stand sie für eine Modestrecke vor der Kamera.

Der Körper nach der Geburt: Frauen schämen sich

Dabei sind die Illusion des perfekten Körpers nach der Geburt und der Begriff «After-Baby-Body» noch recht neu, glaubt Susi Orbach. Ebenso jung ist ein zweites Phänomen, welches in die selbe Kerbe schlägt: Lifestyle-Mamis. Denn nicht nur, dass Körper nicht mehr aussehen dürfen, als hätten sie gerade eine Schwangerschaft hinter sich, dürfen Frauen auch nicht mehr wirken, als wäre ihnen der Job «Mama» hin und wieder zu viel. Als bräuchten sie auch einmal eine Verschnaufpause und würden den Nachwuchs einen Nachmittag liebend gerne mal abgehen um ... ja, um vielleicht einfach mal nichts zu tun. Keine dreistöckige Kindergeburtstagstorte backen, keinen Bio-Salat pflanzen und zwischendurch nicht beim Bikram-Yoga den Körper stählen. Die Entwicklung hin zu einer Gesellschaft, die Mütter nicht mehr Mütter sein lässt, ist furchteinflössend. Dass diesem Druck nicht standzuhalten ist, belegen die mehr als 2.600 Frauen, die ihre Geschichte auf Shape of a Mother teilen.

«Ich schäme mich so unendlich für meinen Körper und hasse es, wie er nach meinen Schwangerschaften aussieht. Mein Körper widert mich an», schreibt eine 33jährige Frau und Mutter von drei Kindern. «Mir war klar, dass sich mein Körper verändert, aber ich habe nicht damit gerechnet, dass er völlig zerstört ist», schreibt eine andere. Und mit diesem Gefühl sind sie nicht alleine: Die Mehrzahl der Frauen, die sich auf Shape of a Mother in der Anonymität des World Wide Web in Sicherheit wiegen, schämen sich auf die Strasse zu gehen, distanzieren sich von ihrem Partner oder erwägen Schönheitsoperationen, die überschüssige Haut, schlaffe Bäuche und Schwangerschaftsstreifen entfernen sollen. Ihre Geschichten zeigen, welchem Leidensdruck sie ausgesetzt sind. Auch, weil das Thema bislang ein Tabu ist.

«Seinen Körper nach der Geburt wiederbekommen zu wollen, ist Nonsens»

Es scheint, als hätte Bonnie Crowder gerade mit dem Brechen dieses Tabus einen Nerv getroffen. Dabei entstand die Idee zu Shape of a Mother aus der eigenen Unsicherheit um den After-Baby-Body. «Eine Freundin schickte mir vor Jahren Bilder von ihren Dehnungsstreifen [...] Ich merkte, wie gut es tut zu sehen, dass man ganz normal ist und nicht allein mit seinem Aussehen kämpft». Wie Bonnie Crowder, geht es auch den Userinnen ihrer Plattform. Eine junge Frau namens Marie hat ihren Körper nach der Geburt ihres Kindes in verschiedenen Posen fotografiert; mal beugt sie sich nach vorne, mal sitzt sie, mal zeigt sie ihren nackten Körper seitlich. «Mein Körper ist ruiniert und hässlich», glaubt die junge Frau. Die Kommentare unter ihrem Eintrag sprechen eine andere Sprache. «Meine Liebe, du bist wunderschön!», «Marie, ich glaube du hast die falschen Bilder gepostet, die Frau auf den Fotos hat nämlich eine echte Bikini-Figur» und «Ich sehe einen wunderbaren und schönen Körper».

Bonnie Crowder hofft, dass eine zunehmende Solidarität unter Frauen ein Umdenken bewirkt. «Ich denke, je mehr Frauen offen und wertschätzend über ihren Körper reden, desto mehr Frauen werden folgen». Die Amerikanerin träumt von einer Gesellschaft, die Frauenkörper so annimmt, wie sie sind. Und sie für das würdigt, was sie in neun Monaten vollbringen; nämlich neues Leben. Dass es höchste Zeit für eine radikale Abrechnung mit dem perfekten After-Baby-Body ist, glaubt auch Susi Orbach: «Ich möchte Müttern gerne eines sagen: Seinen Körper nach der Geburt wiederbekommen zu wollen, ist Nonsens. Er wird niemals mehr der gleiche Körper wie zuvor sein. Weil: Er hat ein Kind ausgetragen und zur Welt gebracht. Und das ist wunderbar.»

Fotos: Gisele Bündchen Facebook, Shape of a Mother Facebook; Collage: Redaktion Femelle

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