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Unter der LupeDie Vor- und Nachteile von Naturkosmetik

«Natürlich» ist das neue Schlagwort der Kosmetikbranche. Redaktor und Kosmetik-Experte Rolf Stehr zeigt auf, warum Naturkosmetik nicht immer die beste Lösung ist.

Frau im Bad mit Gesichtsspray

Die Nachfrage nach naturkosmetischen Produkten steigt rasant. Für viele Kundinnen gehört die Verwendung von natürlicher Kosmetik zu ihrer Lebensphilosophie – um nicht nur ihrer Haut, sondern auch der Umwelt etwas Gutes zu tun. Die folgende Ausführung will Naturkosmetik nicht verteufeln, sondern einen Beitrag dazu leisten, die Möglichkeiten und Grenzen von Naturkosmetik aufzuzeigen und Marketing-Versprechen kritisch zu hinterfragen. Dazu gehört auch, dass «Chemie» in der Kosmetik nicht zwangsläufig schlecht sein muss, genauso wenig wie «Natur» immer unbedenklich ist.

Wie effektiv ist Naturkosmetik?

Naturkosmetik ist für die meisten Frauen bestens geeignet, um die Haut zu pflegen und das Hautbild zu erhalten. Reagiert man aber auf gewisse natürliche Stoffe allergisch oder hat bei reiferer oder strapazierter Haut den Anspruch, dass die Kosmetik nicht nur präventiv, sondern auch regenerativ wirken soll, stösst Naturkosmetik meist an ihre Grenzen.

So muss man sich zum Beispiel bewusst sein, dass man Folgendes beachten sollte und es zudem einige Wirkungsweisen gibt, auf die man gänzlich verzichten muss, wenn man streng «reine Naturkosmetik» verwenden möchte:

Peptide

Peptide, unsere sogenannten Zellbotenstoffe, aktivieren unsere Zellen und halten deren Funktionen aufrecht. Diese werden synthetisiert hergestellt und deshalb nicht in naturkosmetischen Produkten verarbeitet. Doch gerade mit Hilfe dieser Stoffe kann man schneller zum erwünschten Hautergebnis kommen.

Hyaluronsäure

Hyaluronsäure – einer der wichtigsten und effektvollsten Anti-Aging-Wirkstoffe in der Kosmetik– ist ebenfalls kein Naturprodukt. Hyaluronsäure wird mithilfe spezieller Bakterien im Labor gezüchtet. Ein «echtes Naturkosmetikum» hat höchstens die sogenannte «Bio-Hyaluronsäure» als Inhaltsstoff. Diese ist jedoch keine «echte Hyaluronsäure», denn bei ihr handelt es sich um eine Pilzspore, die eine ähnliche Wirkung hat wie Hyaluronsäure. Jedoch liegt diese nur auf der Haut auf und kann nicht in sie einziehen.

Frau nahes Portrait

Natürlichkeit wird derzeit grossgeschrieben. 

Das Thema Konservierung

Jene, die zu Allergien tendieren, sollten bei den Bezeichnungen «konservierungsstoff-frei» oder auch »ohne chemische Konservierung» besonders vorsichtig sein: Auch Naturprodukte müssen konserviert werden, um Keime zu vermeiden. Dies geschieht dann meist mit Alkoholen, alkoholhaltigen und zuckerverwandten Stoffen. Es gibt aber auch Duftstoffe, die aufgrund ihres Anteils an aromatenhaltigen Alkoholen keimhemmende Wirkung besitzen und deshalb als Konservierungsstoffe in Naturprodukten eingesetzt werden. Doch eben diese Duftstoffe können heftige Allergien hervorrufen. Und gerade bei «konservierungsstoff-frei» oder »ohne chemische Konservierung» bezeichneten Produkten ist der Anteil an allergenen Duftstoffen in den meisten Fällen höher.

Synthetische Öle und Fette

Natürliche Produkte sind mit sogenannten pflanzlichen Trigyceriden aufgebaut. Diese werden im Laufe des Tages komplett durch die enzymatische Spaltung auf der Haut abgebaut. Je nach Haut entsteht somit ein Spannungsgefühl. Daher sollten Frauen mit trockener oder spannender Haut ihren Blick eher auf Produkte mit synthetischen Ölen und Fetten richten, weil ihre Haut besser damit zurechtkommt.

Synthetischen Öle und Fette spielen auch beim Geruch der Produkte eine tragende Rolle: Natürliche Produkte können durch die Reaktion mit Luft sehr schnell Geruchsveränderungen aufweisen. Synthetische Öle und Fette sind geruchsneutral und können ihren Duft nicht durch Luft verändern. Wer also Wert auf einen gleichbleibenden, harmonisch parfümierten Duft in seiner täglichen Pflege legt, könnte mit einem synthetisch aufgebauten Produkt besser zurechtkommen.

Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit

Natürliche Produkte müssen nicht zwangsläufig auch umweltfreundlich sein. Das Marketing – vor allem grosser Firmen – lenkt die Aufmerksamkeit der Kunden gerne auf eine nachhaltige Verpackung. Dass in den Produkten auch Inhaltsstoffe enthalten sein können, die dem Nachhaltigkeitsgedanken widersprechen, bleibt oftmals unerwähnt. Hier einige wenige Beispiele dazu:

Arganöl

Arganöl, ein beliebtes Öl in europäischen Naturkosmetikprodukten, musste erst hierher transportiert werden, um daraus ein Kosmetikum zu produzieren. Der CO₂-Ausstoss, um ein naturkosmetisches Produkt zu produzieren, sollte bei der Nachhaltigkeitsüberlegung ebenfalls miteinbezogen werden

Palmöl

Palmöl wird nicht nur in der Lebensmittelindustrie eingesetzt, es taucht auch in unzähligen naturkosmetischen Produkten auf. Durch die Abholzung des Regenwaldes zu Gunsten von profitablen Palmenplantagen, droht ganzen Tiergattungen wie zum Beispiel dem Orang Utan, die Ausrottung.

Rosenholzöl

Das beliebte ätherische Rosenholzöl wird auf Grund seiner aromatherapeutischen Wirkung in Hautpflegeprodukten eingesetzt. Der Rosenholzbaum, der insbesondere in den tropischen Regenwaldgebieten Südamerikas vorkommt, wird mittlerweile auf der Liste der gefährdeten Arten aufgeführt.

Feuchthaltemittel

Bei der Herstellung von Propylenglycol, einem Feuchthaltemittel, welches aus pflanzlichem Glycerin gewonnen und häufig in der Naturkosmetik eingesetzt wird, entsteht durch die chemische Reaktion Propylenoxid, welches laut Bundesamt für Umwelt als umweltbelastendes Gas gilt.

Öl Fläschchen vor Pflanzen

Wie hoch ist der CO₂-Ausstoss dieses Fläschchens?

Bleibt also nur die Entscheidung zwischen «Natur» und «Chemie» ?

Nein, denn wie so oft im Leben, gibt es auch in der Kosmetik einen Kompromiss zwischen «reiner Natur»  und «reiner Chemie», und dieser basiert auf Produkten mit biotechnologisch hergestellten Inhaltsstoffen: Diese werden zum grossen Teil mit natürlichen Wirkstoffen hergestellt, die man mit Hilfe von Zellkulturen und Agrarplatten im Labor züchtet. Ein gutes Beispiel dafür ist Hyaluronsäure: Dieses kommt ursprünglich im Hahnenkamm vor, doch es ist schon sehr lange her, dass ein Hahn dafür sein Leben lassen musste, denn dieser Inhaltsstoff wird heute mittels einer Bakterienkultur in grossen Mengen in Laboren gezüchtet. Die sogenannte «animalische Hyaluronsäure», also direkt von einem Tier entnommen, ist heute als Inhaltsstoff in der Kosmetik gänzlich verboten.

Vorteile biotechnologischer Produkte

Biotechnologische Produkte weisen somit verschiedene Vorteile auf, die durchaus eine Überlegung wert sind:

  • Durch die Züchtung im Labor werden die natürlichen Ressourcen geschont
  • Kosmetikprodukte mit einem Mix aus biotechnologischen Wirkstoffen, etwa mit pflanzlichen Ölen und Fetten, sind sehr hautverträglich und besitzen eine gute Haltbarkeit
  • Die Inhaltsstoffe und dadurch auch die Kosmetikprodukte können mit einer gleichbleibenden Qualität produziert werden.
  • Kosmetikproduzenten werden unabhängiger von Klimaveränderungen und Witterungen, denn Formulierungen von Produkten sind unabhängig von Qualität und Menge der Ernte der jeweiligen Rohstoffe 

Ob Naturkosmetik besser oder schlechter ist und die Vorteile die Nachteile überwiegen, muss schlussendlich jede Kundin für sich selbst entscheiden. Meiner Meinung nach ist es die Balance zwischen den unterschiedlichen Bereichen der Kosmetikherstellung, die einen umsichtigen Umgang mit unserer Haut und unseren Ressourcen ausmacht.

Rolf Stehr ist CEO bei der Stehr Cosmetics AG, gelernter Drogist und Make-up-Artist. Neben seiner Arbeit im eigenen Unternehmen, berät er verschiedene Kosmetikunternehmen und setzt sein Fachwissen auch bei Talkshows und Kolumnen ein. Für femelle schreibt Rolf seit September 2020.

Titelbild: Unsplash

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