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BITTERSÜSSE RACHEWarum Vergeltung ein kurzer Genuss ist

Man soll auch die andere Wange hinhalten? Von wegen! Spott und Häme schreien ebenso nach Vergeltung wie Lug und Betrug. Wir wollen Rache an jenen, die meinen uns an der Nase herum führen zu können. Der Haken: Die Sehnsucht nach Vergeltung scheint nur auf den ersten Blick süss.

Süss oder bitter? Über Sinn und Unsinn von Rache

Das hämische Grinsen der hübschen YaVaughnie Wilkins hätte sicherlich jeder gern gesehen, als das riesige Werbeplakat mit einem innigen Kussfoto von ihr und ihrem Ex-Geliebten, dem Milliardär und engsten Berater von Barack Obama, Charles Phillips, mitten am Times Square aufgehängt wurde.

Mehr bekamen wir von der rachsüchtigen Ex-Geliebten nicht zu hören, geschweige denn zu sehen. Das macht aber nichts. Jeder kann sich schliesslich selbst ausmalen, wie süss der temperamentvollen Südländerin diese Rache geschmeckt haben muss. Das war ein Triumph der Extraklasse! Die betrogene Miss Phillips bekam die Wahrheit, Herr Phillips die ge-rächte Strafe und die Langzeit-Affäre das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht.

Wie gern würden nicht auch wir an unserem treulosen Ex-Lover einen bittersüssen Akt der Vergeltung üben. Oder an der scheinheiligen Kollegin, die dem Chef aufs Brot geschmiert hat, dass wir angeblich zu lange Pausen machen. Oder an unserem Nachbarn, der es mit der allgemeinen Ruhe nicht so genau nimmt und uns Nacht für Nacht den Schlaf raubt. Wäre das nicht schön? Ist der Gedanke an Rache nicht etwas ungemein Befriedigendes? Ja, bestätigen auch Psychologen und diverse wissenschaftliche Studien.

Warum Schokolade, wenn man auch Rache haben kann?

Tatsächlich konnte die Wissenschaft bestätigen, was viele schon vermutet haben: Rache schmeckt süss! Ähnlich wie Schokolade oder Kekse. Denn in beiden Fällen wird tatsächlich durch den ungezügelten Konsum ein uns dasselbe Gehirnareal stimuliert. Sowohl der Verzehr von Zucker als auch Rache aktivieren eine Hirnregion namens dorsales Striatum - jenes Gebiet, das für ein Gefühl von Belohung ausschlaggebend ist. Es ist also nicht bloss ein Spruch des Volksmundes, sondern eine physiologisch und psychologisch nachweisbare Tatsache. Wir geniessen Rache und bekommen dadurch ein wohliges Gefühl von Zufriedenheit – aber auch Gerechtigkeit?

Zumindest das Verlangen nach Rache, so fanden unzählige Umfragen und Studien heraus, resultiert in vielen Fällen aus dem Wunsch nach eben dieser. Rache geht stets ein ehrverletzendes, unfaires oder in sonstiger Weise ungerechtes Verhalten zuvor. Die Sehnsucht nach Gerechtigkeit, resultiert dabei keinesfalls aus einer primitiven Vergeltungssucht, sondern aus einem biologisch tief verankerten Instinkt. Auch das konnten Studien belegen. So wurde herausgefunden, dass Kleinkinder ab dem zweiten Lebensjahr von Natur aus zwischen Recht und Unrecht unterscheiden können und versuchen beides in Gleichgewicht zu halten.

Ge-rächt oder gerecht?

Rache zielt also darauf ab, einen Ausgleich für ein zuvor ungerechtes Verhalten zu schaffen. Dahinter steckt der Wunsch, eine Tat zu vergelten und endlich wieder den Status Quo der Gerechtigkeit herzustellen. Klingt eigentlich fair. Doch was die meisten nicht bedenken: Auch wenn Fairness das Ziel ist, wird sie in den seltensten Fällen erreicht.

Denn selbst wenn Gerechtigkeit das Motiv der Rache ist, ist Rechtschaffenheit fast niemals ihr Wesen. Ob man nun vorhat, den Sportwagen des Ex zu zerkratzen, Abführmittel in den Kaffee der Kollegin zu mischen oder gemeine Geheimnisse der ehemals besten Freundin auszuplaudern – Rache schafft neues Unrecht.

Und es gibt noch eine schlechte Nachricht: Beim Glücksgefühl, das mit Rache einhergeht, verhält es sich wie mit Schokolade – die meisten Menschen, die einen Racheakt begangen haben, bereuen ihre Tat im Nachhinein. Denn schon im Volksmund heisst es: Der Hehler ist nicht besser als der Stehler. Und deshalb wirft auch Rache keinen Heiligenschein über unser Haupt. Wären wir über den Dingen gestanden, wären wir nicht nur die Klügeren, sondern auch die Cooleren. Doch unsere Triebe wollten es anderes. Unser Instinkt hat nach Rache gerufen. Und nun haben wir den Salat. Das schlechte Gewissen ist gross, die Scham auch und der Nutzen umso kleiner.

Der bittere Nachgeschmack

Denn die Folgen der Rache sind alles andere als süss und meistens auch ganz schön bitter. Gerade bei zwischenmenschlichen Angelegenheiten erzeugt Rache keinen ausgleichenden Trost, sondern in den meisten Fällen einen Teufelskreis aus Kränkung, Demütigung und Misstrauen. Der Versuch, eine Beziehung zu retten, indem man den untreuen Partner mit derselben Schmach bestraft, scheitert fast immer. Martin Luther King hatte Recht, als er sagte: «Wenn jeder nach dem Grundsatz 'Auge um Auge, Zahn um Zahn' lebt, haben wir am Ende nur Blinde und Zahnlos».

Wohin mit der Rachlust?

Rache ist also nur ein kurzer, süsser Genuss mit einem langanhaltenden bitteren Nachgeschmack. Irgendwie haben wir uns das ja gedacht. Doch wohin mit unserer Wut? Und den rachlüsternen Gedanken? Wie bändigen wir bloss unsere urzeitliche Gier nach Rache? Auch hierzu wissen Forscher und Psychologen Rat. Sie empfehlen nämlich, die angestaute Aggression durch Bewegung (beispielsweise Sport) körperlich spürbar und damit kompensierbar zu machen. Auch das direkte Gespräch mit unserem Peiniger indem wir ihm ehrlich mitzuteilen, in welchem Mass er uns verletzt hat, kann besänftigen.

Fassen wir also zusammen: Bewegen, konfrontieren, rumbrüllen! All das mag vielleicht aus psychologischer Sicht wertvoll sein. Aber mal ehrlich: Wirklich befriedigend ist es nicht, oder? Wir geben all den Psychologen natürlich trotzdem Recht. Theoretisch. Denn praktisch geben wir Ihnen noch etwas mit. Einen Link. Nicht mehr und nicht weniger. Was Sie daraus machen, entscheidet allein Ihr Ge-räch-tigkeitssinn.

Text: Linda Freutel

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