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MARLENE DIETRICHPorträt einer Stilikone

Unnahbar mit einer Zigarette im herzförmig geschminkten Mund, hohe Wangenknochen, dünne Augenbrauen und in Männerkleidern – so kannte man Marlene Dietrich. Doch was steckt hinter dem typischen Bild der berühmten Stilikone der dreissiger Jahre?

Marlene Dietrich: Portrait einer Stilikone

Sie gab einem der grössten Klassiker ihren Namen – der Marlene Hose. Als erste Frau in Hosen war Marlene Dietrich eine Bereicherung für die Frauen- und Modewelt und doch steckt weit mehr hinter dieser schillernden Persönlichkeit.

Ihre Karriere begann eher unscheinbar. Am 27. Dezember 1901 in Berlin als Maria Magdalene Dietrich und Tochter wohlhabender Eltern geboren, machte sie eine Ausbildung zur Konzertgeigerin. Nachdem sie diese wegen einer Sehnenentzündung abbrechen musste, beschloss sie kurzerhand Schauspielerin zu werden. Sie tourte und tanzte unter dem Namen Marlene mit einer Mädchentruppe durch die deutschen Varietees, ging dann zum Theater und erhielt nach einigen Auftritten schliesslich ihre ersten Neben- und Hauptrollen beim Film.

Durchbruch als femme fatale

Der grosse Durchbruch gelang Marlene Dietrich 1930 in ihrer Rolle der lasziven Lola Lola im Film «Der blaue Engel». Dieser feierte so grosse Erfolge, dass sie dem Regisseur Josef von Sternberg nach Hollywood folgte und dort sieben weitere Filme mit ihm drehte. In den Tempeln der Filmindustrie avancierte Marlene zur heute bekannten Stilikone. Sie perfektionierte ihre charakteristischen Schönheitsmerkmale: dünne Augenbrauen, hohe Wangenknochen, lange Beine und einen herzförmig geschminkten Mund. Dabei ging sie durchaus rigoros und zielstrebig vor, nahm 14 Kilo ab und liess sich – für optisch noch höhere Wangenknochen – vier Backenzähne ziehen.

«Sie hat es einfach als ihre Pflicht betrachtet, perfekt zu sein. Der Regisseur Sternberg hat Dietrich geschaffen, sie hat diese Rolle angenommen. Sie schuldete es ihrer eigenen Legende, immer perfekt zu sein», beschrieb Marlenes Tochter Maria später im Interview mit dem Spiegel das stetige Bestreben ihrer Mutter dem Bilde der Ikone zu entsprechen.

Sinnlich – egal ob in Krawatte oder Glitzerkleid

Marlene Dietrich: Portrait einer Stilikone

Absolut weiblich in männlicher Garderobe! Foto: Bundesarchiv (CC BY-SA 3.0 DE) via Wikimedia

Kultstatus erlangte Marlene Dietrich vor allem dank ihrem ersten Hollywoodfilm «Marokko», in dem sie mit einem Hosenanzug auftrat. Zur damaligen Zeit ein Skandal, was jedoch bald in einen regelgerechten Hype umschlug. Hose und Blazer erhielten Einzug in die Damen-Mode und wurden dank Marlene auch für Frauen elegant tragbar.

Sie brach damit mit dem damals vorherrschenden Frauenideal sowie modischen Stereotypen und wurde zum Vorbild vieler Frauen ihrer Zeit. Sie kleidete sich in einem Mix aus sinnlicher Weiblichkeit und herber Männlichkeit und begeisterte in Zylinder und Hose genauso wie in Federboa und hautengem Glitzerkleid.

Doch nicht nur in ihrer Garderobe wechselte sie zwischen männlich und weiblich, auch bei ihren Liebschaften. Wobei sie daraus nie ein Geheimnis machte, denn es sei ihr «wurscht», was Hollywood und Berlin dazu sagen. «She has sex, but no positive gender», sagte der Theaterkritiker und Autor Kenneth Tynan über Marlene. Noch heute gilt sie deshalb nicht nur als Stil- sondern auch als Schwulenikone.

Diese Liebschaften hatte Marlene allerdings neben ihrer Ehe mit Rudolf Sieber, die offiziell bis zu dessen Tod bestehen blieb. Die beiden hatten sich bei Filmarbeiten noch vor ihrem Durchbruch in Deutschland kennengelernt und eine gemeinsame Tochter namens Maria. Nach ihrem Aufstieg zum Hollywoodstar holte Marlene ihre Familie nach Amerika, denn sie hat sich stets auch als Mutter und Hausfrau verstanden – wobei Tochter und Enkel später zugaben, dass nicht alles was sie kochte essbar war. Maria veröffentlichte zudem nach Marlenes Tod ein Buch, in dem sie ihre Mutter für weit mehr als ihre Kochkünste kritisiert.

Titelbild: Marlene Dietrich im Film «Shanghai Express» (1932). Foto: Paramount

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Mit Chansons und Tanz gegen die Nazis

Marlene bewies jedoch nicht nur in der Mode und Liebe Mut. Während sie im Amerika der 30er als Weltstar gefeiert wurde, war in Deutschland das Naziregime auf dem Vormarsch, von welchem sich Marlene von Anfang an klar distanzierte. So weigerte sie sich beispielsweise, Goebbels Angebot anzunehmen, als typisch deutsches Mädel in Propagandafilmen mitzuspielen. Noch vor Kriegsausbruch zog sie nach Paris und unterstützte von dort aus Flüchtlinge. Zudem legte sie die deutsche Staatsbürgerschaft ab und nahm die amerikanische an. Marlene selbst sah sich aber stets als Deutsche, was sie mit dem Titel ihrer Biografie «Ich bin, Gott sein Dank, Berlinerin» deutlich machte.

Auch während dem zweiten Weltkrieg engagierte sich Marlene. So verliess sie die grossen Kinoleinwände und ging stattdessen an die Front, um amerikanische Soldaten mit ihren Shows zu unterhalten. Auch wenn sie dadurch die Filmbranche enttäuschte, da sie zu wenig einspielte, bezeichnete sie diese Zeit später als das einzig Wichtige, was sie je getan hat.

In der Welt gefeiert – zuhause beleidigt

Für ihren Einsatz erhielt Marlene internationale Anerkennung und wurde mit der amerikanischen Medal of Freedom und dem französischen Titel Ritter der Ehrenlegion ausgezeichnet. In Deutschland wurde sie jedoch als Vaterlandverräterin verschrien. Ihr wurde vorgeworfen, sich nicht nur von den Nazis, sondern auch von den deutschen Soldaten abgewandt zu haben. Diesen Vorwurf spürte Marlene auch auf ihren Tourneen.

Nach dem Krieg eroberte sie Herzen und Bühnen vorwiegend als Sängerin. Mit tiefer rauchiger Stimme sang sie Chansons wie «Sag mir wo die Blumen sind», die noch heute bekannt sind. Mit ihrer perfekten One-Woman-Show trat sie in Nachtbars und renommierten Theatern auf und bewies in aufwändig bestickten Kleidern und prächtigen Roben. Besonders populär wurde Marlenes luxuriöser Mantel aus Schwanenfedern. «Ich kann nicht singen. Also muss das, was ich trage eine Sensation sein», kommentierte sie ihre Outfits.

Als bei einem ihrer Auftritte in Deutschland ein Ei auf die Bühne geworfen wurde, reagierte Marlene unbeeindruckt und meinte trocken: «Ich habe keine Angst vor den Deutschen, nur um meinen Schwanenmantel, aus dem ich Eier und Tomatenflecken kaum herausbekommen würde, um den habe ich Angst». Trotzdem kehrte sie nie mehr nach Deutschland zurück.

Marlene Calling: Eine Legende am Apparat

Doch trotz dem Ruhm und Erfolg schien auch Marlene Dietrich dem Schicksal vieler Ikonen zu erliegen. Die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte sie zurückgezogen und bettlägerig in einer kleinen Wohnung in Paris, dem Alkohol und den Tabletten verfallen. Sie zeigte sich nicht mehr in der Öffentlichkeit und wollte auch nicht mehr fotografiert oder gefilmt werden. «Ich wurde zu Tode fotografiert», sagte sie.

Die einzige Verbindung zur Aussenwelt war das Telefon, mit dem sie mit Freunden, Bekannten und Politikern auf der ganzen Welt telefonierte. «Hollywood war nicht ihre Welt, Hollywood war nur ein kleiner Ort an dem Leute Filme machen. Ihre Welt war die ganze Welt», sagte Tochter Maria, die von ihr bis zu 30 Mal am Tag angerufen wurde. So betrieb Marlene von ihrem Bett aus diplomatische Beziehungen, telefonierte mit der Queen, Gorbatschow, dem französischen Präsidenten und Reagan und diskutierte über das Weltgeschehen. Es war der Wunsch einer hochintelligenten einsamen Frau nach Unterhaltung, aber auch die Forderung einer Egozentrikerin nach der Aufmerksamkeit, die sie gewohnt war.

Peter Bermbach, einer ihrer täglichen Anrufpartner, schrieb in der FAZ: «Man vergisst bei einer Legende, dass auch sie alt ist, dass sie eben nur fiktiv eine Legende ist, in Wirklichkeit aber ein Mensch wie jeder anderer».

Marlene Dietrich war auch nur ein Mensch, lebt nach ihrem Tod am 6. Mai 1992 aber noch heute weiter. Nicht nur wegen ihrem Image als Stilikone und der Frau in Hosen, sondern weil sie sich nicht den gängigen Normen und Vorstellungen unterwarf und sich stattdessen ihre Eigenen schuf.

Die besten Marlene Dietrich-Zitate

«Die meisten Frauen setzen alles daran einen Mann zu ändern und wenn sie ihn dann geändert haben, mögen sie ihn nicht mehr.»

«Frauen sind viel vernünftiger als Männer. Oder haben Sie schon eine Frau erlebt, die einem Mann wegen seiner Beine nachrennt?»

«Man kann einen Menschen nicht glücklich machen, wenn man nicht selber glücklich ist.»

«Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich die gleichen Fehler machen. Aber ein bisschen früher, damit ich mehr davon habe.»

 

Text: Naomi Stocker

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