Pixel

Codecheck und Co.Analyse-Apps für Beautyprodukte: Nicht blind drauf verlassen

Analyse-Apps für Kosmetikprodukte werden immer beliebter, weil sie helfen, das grosse Angebot an Beautyprodukten und deren Inhaltsstoffe richtig einzuschätzen. Doch Vorsicht ist geboten.

Codecheck und Co. Bei Beauty-Apps ist Vorsicht geboten

Die Inhaltsstoffe für Kosmetikprodukte, die bei der INCI (International Nomenclatur of Cosmetic Ingredients) gespeichert sind, umfassen 13'000 registrierte Namen. Die Rohstoffe dafür kommen aus 91 Ländern von rund 3'000 verschiedenen Lieferanten.

Seit 1999 müssen alle kosmetische Inhaltsstoffe bis auf einen 1%-Anteil anhand der INCI-Liste in abnehmender Reihenfolge auf der Verpackung deklariert werden. Die wenigsten Menschen sind in Chemie so bewandert, dass sie all die verschiedenen Inhaltsstoffe und deren Bezeichnung richtig einordnen können. Kein Wunder also, dass die Meisten überfordert sind und die Hilfestellung durch Analyse-Apps begrüssen.

Meist greifen sie dafür auf Schweizer oder Deutsche Analyse-Apps zu. Am Beispiel von vier häufig benutzen Apps möchte ich zeigen, dass man sich als VerbraucherIn grundsätzlich nicht blind auf diese verlassen sollte und sich auch ein Blick hinter die Kulissen lohnt:

Codecheck 

Codecheck ist ein Schweizer Bewertungsportal für «grüne Kosmetik» mit einem Experten-Bewertungsteam. Mitglied ist unter anderem Greenpeace. Die Inhaltsstoff-Angaben zu Kosmetikprodukten stammen aus der Datenbank des Schweizer Vereins Codecheck.info. Die Produktinformationen in der Codecheck-Datenbank werden vorwiegend von Nutzerinnen der Plattform über ein Webformular selbst zusammengetragen. Codecheck lässt Werbung aus ihrer Seite zu und steht in Kooperation mit Toxfox.

Toxfox

Toxfox ist eine Analyse-App des Vereins «Bund für Umwelt und Naturschutz» in Deutschland. Die App ToxFox richtet ihr Augenmerk gemäss eigenen Angaben vor allem auf hormonell wirksame Chemikalien, weil diese Stoffgruppe in den letzten Jahren besonders in die Kritik geraten ist. Die Inhaltsstoffangaben zu Kosmetikprodukten stammen aus der Datenbank des Schweizer Vereins Codecheck.info. ToxFox wird durch Mitgliederbeiträge und Spenden finanziert.

Keine der Analyse-Apps gibt an, wie wirksam die einzelnen Kosmetikprodukte sind

Haut.de

Haut.de beantwortet in erster Linie die Frage, welche Aufgaben ein Inhaltsstoff hat und ob man die Produkte, die diesen Stoff enthalten, ohne Bedenken verwenden kann. Haut.de ist ein werbefreies Portal, das durch Partner wie z.B. den Bundesverband deutscher Kosmetikerinnen und andere Fachverbände finanziert wird. Dieses Portal gehört meiner Meinung nach zu den neutralsten und unabhängigsten Apps.

Hautschutzengel.de

Hinter dieser Seite steht ein deutscher Kosmetikhersteller, der unter der Eigenmarke cremoture.de eigene Kosmetik anbietet und Formulierungs-Konzepte für Kosmetik verkauft.

Was man als Kundin bei der Anwendung der Analyse-Apps im Hinterkopf behalten sollte

Haben Anwenderinnen früher vor allem nach der Wirksamkeit von Produkten gefragt, so wollen sie heute ebenfalls mehr über die Herkunft, Anbauart, Umwelt- und Tierfreundlichkeit dieser Produkte und deren Inhaltsstoffe wissen. Und genau hier liegt einer der grössten Schwachpunkte der Analyse-Apps: Weder bei der INCI-Liste noch durch die Apps selbst, erfolgt eine Einschätzung der Rohstoffe nach:

  • Anbau-Art (Bio oder nicht)
  • Herkunft (je nach Land sind Anbau, Umgang und oder Verarbeitung von vielen Rohstoffen bedenklich)
  • Sonstiger Qualitätsmerkmale (umweltbelastende Gewinnung bzw. Herstellung)

Die Qualität der 60'000 verwendeten Rohstoffe der über 3'000 Lieferanten aus 91 Ländern variiert aber teilweise massiv. So kann zum Beispiel ein Liter Jojobaöl zwischen 52 bis 288 Franken kosten, je nach Anbauart und Umwelt-Zertifizierung. Genauso variieren die Preise von günstigem und hochwertig hergestelltem Hyaluron, was sich schlussendlich auch auf die Wirksamkeit der Kosmetik-Produkte auswirken kann.

Und um bei der Wirksamkeit zu bleiben: Keine der Analyse-Apps gibt an, wie wirksam die einzelnen Kosmetikprodukte sind, was immer noch einer der Hauptbeweggründe für einen Kauf ist.

Ein genauer Blick auf die Inhaltsliste lohnt sich allemal

Für einen ersten Check der Produkte ist die Einschätzung durch eine der Apps sicher hilfreich. Und doch ist es ratsam, sich selbst die Mühe zu machen und sich die Liste der Inhaltsstoffe genauer anzusehen. Vor allem, wenn man Allergikerin ist oder gewisse Inhaltsstoffe aus Prinzip ablehnt.

Hier ein Beispiel anhand eines Handdesinfektions-Gels einer globalen Hautpflegemarke:

Toxfox sagt über das Gel, dass «keine Schadstoffe gefunden worden sind». Geht man die Inhaltsstoff-Liste aber einzeln durch, wird einer der Inhaltsstoffe von Codecheck und ein weiterer von Hautschutzengel.de als «bedenklich» eingestuft. Zudem enthält das Produkt Microplastik und einen allergenen Duftstoff, der Allergien auslösen könnte und darum angegeben werden muss.

Auch die Herstellerfirma oder die Kosmetikerin des Vertrauens geben gerne Auskunft

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass Kundinnen Kosmetikhersteller und deren Produkte immer öfter aufgrund der Analyse-Apps kritisch hinterfragen, während sie den Apps vorbehaltlos vertrauen, was – wie oben gezeigt - nicht immer angebracht ist.

Gerade Kundinnen, denen es ein grosses Bedürfnis ist, genaustens über die von ihnen verwendeten Produkte Bescheid zu wissen, werden von kleineren oder mittelgrossen Firmen ziemlich sicher eine ausführliche Antwort auf die Frage nach Herkunft, Anbauart und Qualität der verwendeten Inhaltsstoffe erhalten, da dies – nebst der Formulierung der Produkte – eines der Hauptunterscheidungs-Merkmale dieser Firmen zu den grossen, internationalen Konzernen ist.

Aber auch viele Kosmetikerinnen, die meist nur wenige Marken von spezialisierten Firmen bei sich führen und über die Verwendung und Qualität der Inhaltsstoffe in der Regel sehr gut Bescheid wissen, können dazu detailliert Auskunft geben.

Rolf Stehr ist CEO bei der Stehr Cosmetics AG, gelernter Drogist und Make-up-Artist. Neben seiner Arbeit im eigenen Unternehmen, berät er verschiedene Kosmetikunternehmen und setzt sein Fachwissen auch bei Talkshows und Kolumnen ein. Für femelle schreibt Rolf seit September 2020.

Titelbild: Pexels

Mehr dazu