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Dinge, die ich nicht versteheWo ist unsere Spontanität geblieben?

In der Reihe «Dinge, die ich nicht verstehe» teilt Redakteurin Luise mit euch alles, was bei ihr ein Stirnrunzeln verursacht. Heute: Die Corona-Verplanerei.

Corona: Wieso nicht planbar?

Dafür, dass wegen Corona nix los ist, ist eigentlich ganz schön viel los. Pünktlich zum Wochenende erhalte ich nun wieder Einladungen oder Vorschläge für Treffen – leider oft auch zwei für denselben Tag. Doch etwas hat sich verändert.

Während es früher entspannt hiess: «Wir starten so gegen 16 Uhr zum Apéro, komm doch auch irgendwann dazu» heisst es heute ich solle so schnell wie möglich zu- oder absagen und bitte das genaue Zeitfenster mit angeben.

Ich habe zu diesem Zeitpunkt meist erst vor Sekunden überhaupt gecheckt, dass Freitag ist. 

Genaue Planung: Bei einer Absage wird nachgeladen. 

Dass sich die Art der Einladung auf so verbindliche Art und Weise verändert hat, ist in erster Linie natürlich Coronas Schuld: Es ist eben nur eine begrenzte Anzahl an Personen erlaubt, mit der man zusammenkommen darf. Und so wird bei einer Absage direkt nachgeladen.

Wie bei einer Hochzeit oder einem runden Geburtstag. So kann der Gastgeber unter Einhaltung der Regeln seine Gästeliste planen und die Kollegin eben ihr Wochenende.

Ein weiterer Grund für das «um zügige und verbindliche Antwort wird gebeten» (u.z.v.A.w.g.) scheint mir jedoch psychologischen Ursprungs zu sein:

Könnte es sein, dass das Home-Office uns schon so zu Kopf gestiegen ist und Arbeiten und Freizeit derartig vermischt hat, dass wir der Meinung sind, unsere privaten Terminkalender müssten genause mit Meetings verplant und strukturiert sein, wie unser Outlook-Arbeitskalender?

Corona nimmt uns unser Leben und die Kontrolle weg

Weil es nicht auszuhalten wäre, am Freitagabend den Laptop zuzuklappen und nicht gleich den nächsten – wenn auch privaten – Termin im Wohnzimmer oder am Küchentisch abhalten zu können?

Weil wir doch nicht einfach nichts tun können? Es tut sich ja sowieso schon gefühlt nichts – wir müssen immer noch Abstand halten, Maske tragen und die Impfung bei uns Jungen läuft noch nicht – also müssen wenigstens WIR wie Räderwerke weiterlaufen?

Haben wir Angst, dass Corona uns unser Leben wegnimmt und deshalb müssen wir jetzt die Kontrolle behalten, indem wir jede Menge gut geplante Apéro-Einladungen verschicken und dadurch wissen: «Am Samstag werde ich mit diesen 5 Freunden feiern und du, Corona, kannst nichts dagegen tun»?

Müsste nicht gerade jetzt die Zeit der Spontanität sein?

Corona hat alles im Leben beeinflusst und verändert – beruflich wie privat. Aber müsste nicht gerade jetzt die Zeit für etwas mehr Spontanität sein? Wir haben doch eigentlich gerade mehr Zeit denn je – wieso verplanen wir sie zwanghaft und leben nicht einfach mal wieder in den Tag hinein?

Schauen nach dem Frühstück, wonach uns ist? Ob uns die Sonne rauslockt oder wir das Bedürfnis haben, noch mal ins Bett zu kriechen? Eins ist klar: coronakonformer als von Verabredung zu Verabredung zu hoppeln, wäre es. 

Stattdessen wird eifrig weitergeplant, was nicht planbar ist: Das Leben. 

Dinge, die ich nicht verstehe.

Titelbild: Pexels

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